Jeram Patel

Untitled (Ohne Titel)

Patel Untitled Private Collection Courtesy Grosvenor Gallery 1500 - © Estate of Jeram Patel
  • Jeram Patel
  • Untitled (Ohne Titel)
  • 1961
  • Öl auf Masonit-Tafel
  • 91,4 × 121,9 cm
  • Kiran Nadar Museum of Art - © Estate of Jeram Patel

Eine unbestimmte und in dunklen Tönen ausgeführte Abstraktion kennzeichnet Jeram Patels Œuvre. Wie Ohne Titel (1961) betonen auch Patels andere Gemälde, Zeichnungen und Reliefs eher ihre eigene Materialität als spezifische Sujets oder figürliche Darstellungen. Auf diesem Gemälde deutet ein kleines Fenster im linken oberen Viertel einen Raum jenseits der ansonsten planen Oberfläche an, der die Figur-Grund-Beziehungen des Gemäldes aufbricht und ein Gefühl von Tiefe erzeugt. Ein dezent blaugrauer Bereich darunter erinnert an eine Türöffnung, während das gesamte Raster aus grauen, durch schwarze Zwischenräume miteinander verbundenen Quadraten und Rechtecken auf ein architektonisches Gebilde hinweist. Andererseits hat dieses Werk keinen Titel, bietet also keinen erkennbaren Hinweis auf seine Bedeutung oder seinen Kontext. Ohne Titel könnte auch ein rein abstraktes Arrangement aus Formen und malerischen Fakturen sein statt einer Darstellung gebauten Raums. Die Bedeutung des Werks bleibt provozierend unklar.

Aufgrund seiner Offenheit für unterschiedliche Deutungen und Fantasievorstellungen ist Ohne Titel typisch für die Arbeit der kurzlebigen Gruppe 1890, die Patel 1962 in Bhavnagar zusammen mit zehn anderen Künstlern gründete. In dem Bemühen, einen stilistischen Stillstand zwischen nativistischer Provinzialität und weltläufigem Modernismus zu überwinden, der die indische Kunst in der Mitte des 20. Jahrhunderts kennzeichnete, vermied die Gruppe 1890 eine eindeutige Darstellung und propagierte den auch in Ohne Titel sichtbaren abstrakten Formalismus. In ihrem Manifest von 1963 vertrat die Gruppe 1890 die Auffassung, es sei nicht die Funktion der Kunst, „zu interpretieren und zu kommentieren, zu begreifen oder zu führen“, sondern die Kunst sei „die Wirklichkeit selbst, eine völlig neue Erfahrungswelt, die Schwelle zum Übergang in den Zustand der Freiheit“.

Gemma Sharpe

Biografie von Jeram Patel

  • Geboren 1930 in Sojitra, Britisch-Indien
  • Gestorben 2016 in Vadodara, Indien

Jeram Patel gehört zu den Künstlern, die in den späten 1950er- und den 1960er-Jahren die indische Kunst veränderten, indem sie eine neue visuelle Identität und neue Formen der Abstraktion entwickelten. Patel studierte zunächst Zeichnung und Malerei an der Sir J. J. School of Art in Mumbai (1950–1955), danach Design an der Central School of Arts and Crafts in London (1957–1959). 

Ende der 1950er-Jahre regte ihn eine Japanreise dazu an, neue Medien und Techniken zu erkunden. Nach seiner Rückkehr nach Indien war er 1962 Mitbegründer der kurzlebigen, aber einflussreichen Group 1890 und nahm an deren einziger Ausstellung in der Lalit Kala Akademi Gallery in Neu-Delhi teil. 

In den 1960er-Jahren entwickelte er eine neue Technik; er bearbeitete Holz mit einem Schweißbrenner und gravierte abstrakte Formen darin ein, oft vor monochromen Hintergründen in kräftigen Farben. Zu seinen anderen stilistischen Neuerungen gehörten Abstraktionen – scheinbar schwerelose Formen in schwarzer Tusche auf Papier – oder sein charakteristischer, pastoser Farbauftrag, vor allem in kräftigen schwarzen Pinselstrichen. Am bekanntesten ist wohl seine sensible, suggestive Serie Hospital (1966). 

Patel erhielt mehrere nationale Auszeichnungen; er war Professor (und später Dekan) der Fakultät für bildende Künste an der Maharaja Sayajirao University of Baroda.