Mira Schendel

Untitled (Ohne Titel)

Schendel Untitled Hecilda And Sergio Fadel Collection 1500 - © Mira Schendel Estate
  • Mira Schendel
  • Untitled (Ohne Titel)
  • 1963
  • Tempera, Gips auf Leinwand
  • 100 x 100 cm
  • Hecilda & Sergio Fadel Collection - © Mira Schendel Estate

Obwohl sie getauft war und als Katholikin aufgewachsen ist, beraubte man die in der Schweiz geborene Künstlerin Mira Schendel 1938 ihrer italienischen Staatsbürgerschaft und verbot ihr wegen ihrer jüdischen Herkunft die Fortsetzung ihrer Philosophiestudien. Nachdem sie so zum Wanderleben einer Staatenlosen gezwungen worden war, ging sie 1949 schließlich nach Brasilien. Bei ihrer Ankunft ließ sich Schendel zunächst in Porto Alegre nieder, wo sie jedoch von den umtriebigen Kunstmetropolen São Paulo und Rio de Janeiro abgeschnitten war. Als sie 1953 nach São Paulo zog, unterschieden sich ihre Werke von denen ihrer Zeitgenossen, ein Umstand, der das Interesse der lokalen Kritiker weckte, aber auch zu einer Krise in ihrem künstlerischen Schaffen führte. In den folgenden Jahren zog sie sich aus der Kunstszene zurück und schuf nur noch sehr wenige Werke.

Schendels Rückkehr zur Kunst im Jahr 1962 stellte einen Wendepunkt in ihrer Entwicklung als Malerin da, da sie zunächst eine Reihe von Werken auf Reispapier schuf, einem durchscheinenden, zerbrechlichen Material, das ihre späteren Arbeiten dominieren sollte. Außerdem schuf Schendel eine Serie abstrakter Bilder, in die sie kreisförmige und ovale Formen in dunklen, erdigen Tönen integrierte. Um eine strukturierte Bildoberfläche zu erzielen, verwendete sie sowohl Öl- als auch Temperafarben, vermengte sie mit diversen Werkstoffen wie Sand, Polymer ‒ der roten Erde der Gegend um São Paulo ‒ und, wie bei Ohne Titel (1963), Gipsputz. Die subtilen tonalen Verbindungen und die Einbeziehung natürlicher Materialien verleihen dieser Serie eine charakteristische Sensibilität, die die Betrachter zu einer subjektiven, zwischen Spiritualität und Hoffnungslosigkeit schwankenden Deutung einlädt. Der bekannte brasilianische Physiker Mario Schenberg, der in Schendels Gemälden eine Verwandtschaft mit dem Begriff der Leere sah, beschrieb sie unter dem Gesichtspunkt von "Transzendenz" und "Immanenz".

Daniel Milnes

Biografie von Mira Schendel

  • Geboren 1919 in Zürich, Schweiz
  • Gestorben 1988 in São Paulo, Brasilien

Mira Schendel gilt als eine der einflussreichsten lateinamerikanischen Künstlerinnen unserer Zeit. Am bekanntesten sind ihre Zeichnungen auf Reispapier. 

Nach der Scheidung ihrer Eltern (1922) zog sie mit ihrer Mutter nach Mailand, wo sie später Philosophie studierte. Wegen ihrer jüdischen Abstammung musste sie die Hochschule wieder verlassen. Während des Zweiten Weltkriegs floh sie aus Italien nach Sarajevo. 

Nach dem Krieg lebte sie in Rom, bis sie 1949 eine Aufenthaltsgenehmigung für Porto Alegre erhielt. Dort studierte sie Aktzeichnen und Bildhauerei, schuf Gemälde und Keramiken. Bei ihrer ersten Einzelausstellung 1950 zeigte sie Porträts, Landschaften und Stillleben. 

1953 zog sie nach São Paulo, wo sie viele Intellektuelle kennenlernte, die wie sie emigriert waren. Ab den 1960er-Jahren entwickelte Schendel eine sparsame Bildsprache mit geometrischen Formen und Schriftzeichen. Am liebsten arbeitete sie mit vergänglichen, durchscheinenden Materialien sowie mit (Aquarell-)Farbe, Talkum, Ziegelstaub und Tusche. 

1964 entstanden die ersten ihrer berühmten Monotypie-Zeichnungen auf Reispapier: Sie verteilte Tusche auf einer Glasplatte, zog mit den Fingern Linien in die Farbe und druckte das Ergebnis auf Reispapier. Außerdem schuf sie dreidimensionale Objekte (Droguinhas) aus verknoteten und ineinander verflochtenen Reispapiersträngen.