Enrico Castellani

Superficie angolare bianca (Weiße Eckfläche)

Castellani Superficie Angolare Bianca White Corner Surface Heart – Herning Museum Of Contemporary Art 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
  • Enrico Castellani
  • Superficie angolare bianca (Weiße Eckfläche)
  • 1961
  • Acryl auf Leinwand mit Aus- und Einbuchtungen
  • 70 x 20 x 70 cm
  • HEART Herning Museum of Contemporary Art - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Superficie angolare bianca (1961) und Superficie angolare nera (1961) sind wichtige Meilensteine auf Enrico Castellanis Weg von einer Malerei der gestischen Abstraktion zur Herstellung raumorientierter monochromer Bilder. Diese Werke veranschaulichen die visuelle Wirkung, die sich ergibt, wenn Licht in verschiedenfarbige Ecken einfällt. In diesem Fall handelt es sich um die einander entgegengesetzten Pole des Lichtspektrums, Weiß und Schwarz. Durch den Schattenwurf auf den beiden Leinwänden heben diese Gemälde die Form des Raums hervor. Castallani studierte Architektur, bevor er eine Laufbahn einschlug, die die Idee der Malerei neu definierte. Indem er die skulpturalen und geometrischen Seiten von Werken auf Leinwand erkundete, verschob er den Schwerpunkt seines künstlerischen Interesses vom individuellen Ausdruck zu einer universellen und konkreten Materialität. Diese beiden Werke Superficie angolare bianca (Weiße Eckfläche) und Superficie angolare nera (Schwarze Eckfläche) verkörpern beispielhaft diesen Wandel, indem sie die plane Oberfläche einer traditionellen Leinwand aufgeben, diese stattdessen in eine Innenecke falten und so eine dynamische Beziehung zwischen Kunstwerk und architektonischem Raum schaffen.

Durch diese Neudefinition der Rolle der Leinwand veränderte Castellani auch die Beziehung des Gemäldes zum Betrachter grundlegend. Statt einen illusionistischen Blick wie aus einem Fenster in einen anderen Raum zu bieten, richtete er die Oberfläche des Gemäldes an jenem Raum aus, in dem es präsentiert wurde. So wurde aus dem Kunstwerk als ,Fluchtmittel‘ eine eigenständige Form, ein Objekt, dem es sich zu stellen gilt. Die nie endende Aufgabe, dem Material zu dessen eigenen Bedingungen entgegenzutreten, war das der konkreten Kunst zugrunde liegende Prinzip, und Castellani stellte sich dieser Herausforderung häufig in seiner Serie skulpturaler Leinwände, die die dritte Dimension ‒ den Raum des Betrachters ‒ einnehmen.

Megan Hines

Biografie von Enrico Castellani

  • Geboren 1930 in Castelmassa, Italien (damals Königreich Italien)

1952 machte Enrico Castellani sein Diplom an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand. Anschließend studierte er Kunst an der Académie Royale des Beaux-Arts und Architektur an der École Nationale Supérieure des Arts Visuels de La Cambre, beide in Brüssel. 1956 ließ er sich wieder in Mailand nieder, wo er Künstler wie Piero Manzoni (1933–1963) und Lucio Fontana (1899–1968) kennenlernte. 1959 gründeten Castellani und Manzoni die kritische Zeitschrift Azimuth und die Galleria Azimut, wo Castellani 1960 seine erste Einzelausstellung hatte. Die Leinwand war für ihn ein Objekt – jedes Werk sollte nur auf sich selbst und auf nichts anderes verweisen. 1959 zeigte er seine ersten monochromen Reliefs, die Serie Superficie nera (Schwarze Oberfläche). In die Leinwände hatte er mit einer Nagelmaschine Vertiefungen gedrückt. Später begann er die Bildträger zu durchstechen und mit Stanzwerkzeugen zu bearbeiten, um rhythmische, räumliche Reliefs zu erzeugen. In seiner Serie Angolare (Winkel) (1960–1965) verformte er winkelförmig angebrachte Leinwände konkav und konvex, um zu erforschen, wie sich dies auf die Wahrnehmung auswirkte. 1967 schuf er Ambiente bianco (Weißes Umfeld), seine erste raumgroße Installation. Anfang der 1990er-Jahre schloss er sich der deutschen Künstlergruppe ZERO an und nahm an mehreren ihrer Ausstellungen teil. 1964, 1966, 1984 und 2003 repräsentierte er Italien auf der Biennale von Venedig.