Eduardo Paolozzi

Shattered Head (Scherbenkopf)

Paolozzi Shattered Head Private Collection Michael Uva 1 1500
  • Eduardo Paolozzi
  • Shattered Head (Scherbenkopf)
  • 1956
  • Bronze auf Steinsockel
  • 32 x 30,5 x 23 cm
  • Privatsammlung, London © Trustees of the Paolozzi Foundation, Licensed by VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Auch wenn Eduardo Paolozzi weithin als einer der ersten Künstler der britischen Pop-Art gilt, findet man bei ihm auch Einflüsse aus dem Surrealismus und den angewandten Werkkünsten. Während seines Arbeitsaufenthalts Ende der 1940er-Jahre in Paris lernte Paolozzi einige Surrealisten kennen, darunter Alberto Giacometti (1901–1966), Jean Dubuffet (1901–1985) und Jean Arp (1886–1966). Durch ihren Einfluss wuchs Paolozzis Interesse an Skulptur, insbesondere an gefundenem Material. 1949 kehrte Paolozzi ins Vereinigte Königreich zurück und ließ sich in London nieder, wo er an der Central School of Art and Crafts lehrte. Die dort entstandenen skulpturalen Werke handeln zum großen Teil von Themen der Krankheit und des Leids.

Eine Werkreihe enthält Figuren, die Schaden erlitten haben. Shattered Head (1956) handelt von einer menschlichen Form, die scheinbar gerettet, entweder mit einem Verband gestützt oder aus Resten zusammengesetzt worden ist. Diese scheinbar zertrümmerte Figur ist mit der damaligen Situation des vom Krieg gezeichneten Europas vergleichbar – und den mühevollen Strapazen, die mit dem Wiederaufbau und der Erneuerung ganzer Dörfer, Städte und Länder nach der jahrelangen zerstörerischen Auseinandersetzung verbunden waren. Bei der Herstellung dieses Kopfes verwendete Paolozzi dicke Platten Formwachs, in die er schnitze. Löcher und Lücken ließ er als Zeichen von Beschädigungen stehen. Die fertige Skulptur goss er in Bronze. Kubistische Einflüsse, etwa von Georges Braque (1882–1963) und Fernand Léger (1881–1955), lassen sich an der Büste in den gebrochenen Perspektiven erkennen. Die an Pflastersteine oder ,Patchwork‘ erinnernde Beschaffenheit des Kopfes und seine namenlose, allgemeine Form weisen darüber hinaus auf Querbezüge zwischen dem Wiederaufbau und gesellschaftlichem Druck hin, den ganze Kontinente im Zuge des wachsenden Bewusstseins für globale Angelegenheiten erfuhren.

Nicolas Linnert

Biografie von Eduardo Paolozzi

  • Geboren 1924 in Leith, Edinburgh, Schottland
  • Gestorben 2005 in London, Vereinigtes Königreich

Eduardo Paolozzi schuf Skulpturen, Collagen, Druckgrafiken und Filme und war ein Vertreter der britischen Pop-Art. In seinen frühen Collagen aus den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren verwendete er Werbeanzeigen aus amerikanischen Zeitschriften, Titelseiten von Taschenbüchern und wissenschaftliche Abbildungen. 

Als Sohn italienischer Immigranten wurde Paolozzi für drei Monate interniert, nachdem Italien im Juni 1940 Großbritannien den Krieg erklärt hatte. Auch sein Vater und sein Großvater wurden verhaftet; sie ertranken, als das Schiff, das sie nach Kanada bringen sollte, von einem deutschen U-Boot angegriffen wurde. 

Paolozzi studierte am Edinburgh College of Art (1943) und an der Slade School of Fine Arts in London (1944–1947), wo er andere künftige Mitglieder der Künstlervereinigung Independent Group kennenlernte. Danach arbeitete er zwei Jahre in Paris, wo er den Bildhauern Alberto Giacometti (1901–1966) und Constantin Brâncuşi (1876–1957) begegnete, die sein späteres Werk beeinflussten. 

Seine Beziehungen zu Künstlern des Surrealismus und seine von der Alltagswelt geprägte Ästhetik verband er mit einem Interesse für moderne Technologien und Massenmedien. So erweiterte er seine bildhauerischen Techniken in den frühen 1960er-Jahren durch die Zusammenarbeit mit Industriefirmen und verwendete Aluminium. Paolozzi lehrte von 1949 bis zu seiner Pensionierung 1994 an mehreren Akademien für Kunst und Design in Großbritannien und Deutschland, zuletzt an der Akademie der Bildenden Künste in München.