Sigmar Polke

Rasterzeichnung (Porträt Lee Harvey Oswald) [Raster Drawing (Portrait of Lee Harvey Oswald)]

Polke Rasterzeichnung Porträt Lee Harvey Oswald Estate Of Sigmar Polke 1500 - © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: Wolfgang Morell
  • Sigmar Polke
  • Rasterzeichnung (Porträt Lee Harvey Oswald) [Raster Drawing (Portrait of Lee Harvey Oswald)]
  • 1963
  • Plakatfarbe, Bleistift auf Papier
  • 94.8 × 69.8 cm
  • Privatsammlung - © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: Wolfgang Morell

In den 1960ern, während seines Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf, begann Sigmar Polke sich sehr intensiv für Fragen der zunehmenden Konsumkultur und medialen Übersättigung der Gesellschaft zu interessieren. Anders als die Vertreter der amerikanischen Pop-Art, die sich ebenfalls mit diesen Themen befassten, nahm Polke in seinem Werk direkt politischen Bezug. Bei Rasterzeichnung (Porträt Lee Harvey Oswald) (1963) besteht der im Profil gegebene Kopf einer männlichen Figur aus einer Serie von Punkten, die an Benday Dots erinnern, eine kommerzielle Drucktechnik, die bekanntermaßen von dem amerikanischen Künstler Roy Lichtenstein (1927–1997) in seinen Werken aufgegriffen wurde. Ohne den Untertitel hätten die Betrachter von Polkes Werk vermutlich Schwierigkeiten, den Dargestellten zu erkennen. Es handelt sich um Lee Harvey Oswald, den Scharfschützen, der den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963 erschoss. Das grauenvolle Attentat fand unter den Augen der entsetzten, den Wegesrand säumenden Passanten statt, als Kennedy und seine Frau Jacqueline in einem präsidialen Wagenkonvoi durch Dallas, Texas, fuhren. Bei der anschließenden Berichterstattung in den Medien handelte es sich um die ersten Live-Übertragungen im Fernsehen, die nicht durch Werbung unterbrochen wurden. 

Obwohl Polke das Motiv einer Zeitschrift entnahm, manipulierte er es, indem er eine Linie um Oswalds Hals hinzufügte, die in einem großen Tintenfleck endete, eine Anspielung auf Oswald eigene Ermordung durch Jack Ruby, die unvorhergesehenerweise live im Fernsehen übertragen und festgehalten wurde. Obwohl der Stil von Rasterzeichnung (Porträt Lee Harvey Oswald) ein Verfahren nachahmt, mit dem ehemals Abbildungen in Zeitschriften und Zeitungen gedruckt wurden, handelt es sich bei Polkes Bild nicht um eine Druckgrafik. Vielmehr fertigte er die Vergrößerung des Magazinfotos dadurch an, dass er einen Bleistiftradierer in schwarze Tinte tauchte und jeden Punkt einzeln auf das Papier drückte, wobei er manchmal zwei Punkte miteinander verband.

Petronela Soltész 

Biografie von Sigmar Polke

  • Geboren 1941 in Oels/Schlesien, Deutsches Reich (heute Oleśnica, Polen)
  • Gestorben 2010 in Köln, Deutschland

Sigmar Polkes von der Pop-Art inspiriertes Werk ist schwer einzuordnen und weist keinen leicht wiedererkennbaren Stil auf, doch seine Konstanten sind Ironie und Widerspruch. 

Polke absolvierte von 1959 bis 1961 in Düsseldorf eine Glasmaler-Lehre und studierte anschließend bis 1967 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Otto Götz (geb. 1914) und Gerhard Höhme (1920–1989). 1963 gründete er mit Gerhard Richter (geb. 1932), Konrad Lueg (1939–1996, eigentlich Konrad Fischer) und Manfred Kuttner (1937–2007) die von der Pop-Art beeinflusste Bewegung des Kapitalistischen Realismus. 

In seiner Malerei imitierte Polke die Rasterpunkte des Halbton-Druckverfahrens, wodurch seine von Fotografien oder Werbeanzeigen übernommenen Motive unscharf und abstrahiert wirken. Er experimentierte mit verschiedenen Techniken und ungewöhnlichen Materialkombinationen, etwa in seinen Stoffbildern, bei denen er handelsübliche Textilien als Hintergründe für Gesten und Motive verwendete, die historische oder zeitgenössische Kunst zitieren. 

Er legte Bilder vielschichtig an, experimentierte mit Prägeverfahren und schuf betont haptische Oberflächen. Polke lehrte mehrere Jahre an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und erhielt zahlreiche Preise, darunter 1986 den Goldenen Löwen für Malerei bei der Biennale von Venedig und 2002 den japanischen Praemium Imperiale.