Jacques Villeglé

“OUI” – Rue Notre-Dame-des-Champs („JA“ – Rue Notre-Dame-des-Champs)

Villeglé Oui Rue Notre Dame Des Champs 22 Octobre 1958 Courtesy Galerie Georges Philippe Nathalie Vallois 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: André Morin
  • Jacques Villeglé
  • “OUI” – Rue Notre-Dame-des-Champs („JA“ – Rue Notre-Dame-des-Champs)
  • 1958
  • Plakatabrisse auf Leinwand
  • 68 × 100 × 3 cm
  • Private Collection, Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: André Morin

Jacques Villeglé ist ein Affichist und bekannt dafür, Kunst mit Papierfetzen aus zerrissenen Plakaten zu machen. Er sammelt an den Plakatwänden in Paris abgerissene Stücke, um sie auf der Bildfläche zu arrangieren und zu fixieren. Bei diesem Bild hat er den Namen der Straße dokumentiert, in der er das Plakatmaterial auffand. Das Datum ist ebenfalls bekannt, da die Arbeit einen zusätzlichen Titel trägt: 22 octobre 1958 (22. Oktober 1958). Es bezeichnet ein Datum 18 Tage nach der Gründung der Fünften Französischen Republik, der Wiederwahl Charles de Gaulles zum Präsidenten und dem Militärputsch von Algier am 13. Mai 1958. 

Seinem Konzept des Lacéré anonyme (anonymer Ausriss) treu bleibend, lehnte Villeglé es, anders als die Künstler des Surrealismus oder der Art informel, ab, persönliche Konflikte zu thematisieren. Stattdessen wird er dem Nouveau Réalisme zugerechnet, der das Ziel hatte, den Elitestatus der Kunst abzuschaffen, indem alltägliche Materialien und neue Techniken verwendet werden. 

„OUI“ – Rue Notre-Dame-des-Champs (1958) ist wie ein Triptychon in drei Teilen angelegt, und aus den Farben der französischen Trikolore formt sich ein politisches „OUI“ im Mittelfeld der Tafel. Aber der Bereich des Posters, der so wirr erscheint, als sollte er in seiner Umkehrung als „NON“ gelesen werden, zeigt die Gespaltenheit der französischen Wähler. Das „Ja“ zu Frankreich wird durch den kleinen Fetzen rechts unten betont, der einen schwarzen Arm auf einem blauen Untergrund zeigt. Es symbolisiert die politische Propaganda von de Gaulle, der in seiner Wahlkampagne seine Haltung zu den Unabhängigkeitskämpfen der französischen Kolonien nicht erklärte.

Petronela Soltész

Biografie von Jacques Villeglé

  • Geboren 1926 in Quimper, Frankreich

Jacques Villeglé ist bekannt für seine Kunst aus Plakatabrissen. Er begann 1944 ein Studium der Malerei an der École des Beaux-Arts in Rennes, wo er seinen Kommilitonen Raymond Hains (1926–2005) kennenlernte. 

Von 1947 bis 1949 studierte Villeglé Architektur an der École supérieure des Beaux-Arts de Nantes Métropole. Da er mit beiden Studiengängen unzufrieden war, begann er, an den Stränden des Atlantiks Gegenstände aufzusammeln und sie zu Skulpturen zusammenzufügen, wie beispielsweise Fils d’acier – Chaussée des Corsaires, Saint-Malo (1947). 

1949 zog Villeglé nach Paris und schloss sich wieder mit Hains zusammen, der ihm die Technik der Decollage zeigte. Nach ihrem ersten gemeinsamen Werk, Ach Alma Manetro (1949; betitelt nach den sichtbaren Wortfragmenten), fuhren beide Künstler bis 1954 damit fort, zerrissene Plakate von öffentlichen Werbetafeln abzureißen und sie auf ihre Leinwände zu kleben. 

Mehr als fünf Jahrzehnte lang erforschte Villeglé das künstlerische, dokumentarische und gesellschaftskritische Potenzial dieser Technik, die er als affiches lacérées (zerrissene Plakate) bezeichnete. Während sich seine frühen Werke vor allem auf Wortfragmente beschränken, interessierte er sich später mehr für Farben und Formen. 

Villeglé verfasste 1958 den Text „Des réalités collectives“, ein Vorläufer des „Manifeste du Nouveau Réalisme“ (1960). Villeglés Werke wurden in über hundert Ausstellungen in den USA und in Europa gezeigt.