Helen Frankenthaler

Lorelei

Frankenthaler Lorelei Brooklyn Museum 1500 - © Helen Frankenthaler Foundation Inc./VG Bild-Kunst, Bonn 2016
  • Helen Frankenthaler
  • Lorelei
  • 1957
  • Öl auf unbehandeltem Segelleinen
  • 190,5 x 223,4 x 6,4 cm
  • Brooklyn Museum, New York, Purchase gift of Allan D. Emil, 58.39 - © Helen Frankenthaler Foundation Inc./VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Als junge Malerin wurde Helen Frankenthaler von einer älteren Generation von Künstlern, unter ihnen Willem de Kooning (1904‒1997) und Jackson Pollock (1912‒1956), beeinflusst, doch letztlich gelang es ihr, eine Methode und einen Stil zu entwickeln, die ebenso einflussreich wie individuell waren. Schon früh in ihrer Laufbahn erwarb sich Frankenthaler den Ruf, direkt auf ungrundierter Leinwand zu arbeiten und verdünnte Farbe auf diese zu gießen, mit einem Schwamm aufzutragen oder sie auf und in die Bildoberfläche zu zeichnen. Damit stellte sie sich in die Tradition von Jackson Pollocks Drip Paintings, erweiterte dabei aber den eher linearen Charakter seiner Schüttungen zu breiten Farbschneisen. Doch während Frankenthaler häufig auf den Part reduziert wurde, „eine Brücke zwischen Pollock und dem, was möglich ist“ gewesen zu sein, wie Morris Louis (1912‒1962) es formuliert hat, zeigt Lorelei (1956), dass die Künstlerin die Leinwand souverän beherrschte und durch ihren ganz individuellen Umgang mit Material, Farbe und Komposition eine einflussreiche Malmethode und -idee entwickelte.

Frankenthal malte das Bild Lorelei nach einer Europareise und erinnerte sich dabei an eine Rheinfahrt, die sie auch an der imposanten Felsformation der Loreley vorbeiführte, die dort an einer Stelle am Fluss hoch aufragt. „Mit einer Art Landschaft und Bewegung und Wasserlandschaft vor meinem geistigen Auge“ verschmolz sie in diesem Bild Erinnerung und Materialität miteinander. Die Farbe ausgießend und mit dem Pinsel auftragend, arbeitete Frankenthaler mit der unbearbeiteten Leinwand, die sie auf den Keilrahmen gelegt, aber noch nicht an ihm befestigt hatte. In einem Akt der Improvisation rollte sie die Leinwand dann weiter aus, fügte den offenen Abschnitt rechts hinzu und lockerte die im Übrigen sehr dichte Komposition auf, bevor sie den Rand der Leinwand abschnitt und sie auf den Rahmen aufzog.

Amy Rahn

Biografie von Helen Frankenthaler

  • Geboren 1928 in New York, New York, Vereinigte Staaten

Helen Frankenthaler war eine abstrakte expressionistische Malerin, deren Schaffenszeit sich über sechs Jahrzehnte erstreckte. Nachdem sie das Bennington College in Vermont absolviert hatte (1949), nahm sie ein Studium an der Art Students League in New York auf, besuchte Vorlesungen in Kunstgeschichte an der Columbia University und nahm Unterricht bei dem Abstrakten Expressionisten Hans Hofmann (1880–1966). 

Ihre erste Einzelausstellung wurde 1951 in der New Yorker Tibor de Nagy Gallery veranstaltet. Durch ihren Partner, den Kunstkritiker Clement Greenberg (1909–1994), machte sie Bekanntschaft mit einer Reihe tonangebender Künstler der New Yorker Schule. Ihren Durchbruch erlebte Frankenthaler mit dem Gemälde Mountains and Sea (1952), bei dem sie erstmals die von ihr entwickelte „soak-stain technique“ einsetzte, bei der verdünnte Ölfarbe auf die unbehandelte Leinwand aufgetragen wird. 

Während das Malmittel mit der Leinwand verschmolz, fungierte die Farbe gleichzeitig als Kolorierung und als Zeichnung. Auf diese Weise entstanden großformatige abstrakte, kalligrafische Bilder in leuchtenden Farben. Frankenthalers Malstil hatte großen Einfluss auf die damals aufkommende Farbfeldmalerei der 1960er-Jahre. Daneben arbeitete die Künstlerin auch als Bildhauerin, Keramikerin, Bühnenbildnerin und Grafikerin (insbesondere auf dem Gebiet des Holzschnitts). 1958 heiratete sie den Künstler Robert Motherwell (1915–1991). 1960 zeigte das Jüdische Museum New York eine erste Retrospektive ihrer Werke. Frankenthaler unterrichtete an verschiedenen renommierten Universitäten und wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2001 mit der National Medal of Arts.