Dieter Roth

Literaturwurst (Martin Walser: „Halbzeit“)

Roth Literaturwurst Martin Walser Halbzeit Dieter Roth Foundation 1500 - © Dieter Roth Foundation and Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth
  • Dieter Roth
  • Literaturwurst (Martin Walser: „Halbzeit“)
  • 1967
  • Gehäckseltes Buch, in Wurstform gepresst, vom Künstler aufgeschnitten und gerahmt
  • 52.5 × 42.5 × 12 cm
  • Dieter Roth Foundation, Hamburg - © Dieter Roth Foundation and Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth

Dieter Roth betrachtete sich selbst als Schriftsteller, der in der Kunstwelt dilettierte, um seine literarischen Bestrebungen zu finanzieren. Im Rahmen seines anhaltenden Interesses an der literarischen Form überprüfte er häufig das Konzept der Autorschaft. Er schuf Texte, die er explizit sich selbst zuschrieb, etwa unverblümte Tagebucheinträge und metrische Poesie, führte aber auch subversivere Experimente mit anonymen Texten in der Rubrik Kleinanzeigen von Zeitungen und anderen öffentlichen Medien durch. 

Ab den 1960er-Jahren dehnte Roth den Begriff der Urheberschaft noch weiter aus und bediente sich bereits vorhandener, massenweise produzierter Drucksachen, normalerweise Zeitungen unterschiedlicher Herkunft, die er dann bearbeitete und sich als eigenes künstlerisches Werk aneignete. Sein erstes auf diese Weise entstandenes Werk war etwa 1961 die Serie der Literaturwürste. Für diese Buchobjekte verwendete er Zeitungen und Bücher, darunter Martin Walsers Roman Halbzeit, als seine „Zutaten“. Im Einklang mit traditionellen Wurstrezepten zerhäckselte er die ausgewählte Publikation zusammen mit Fett und Gewürzen, presste das hieraus resultierende literarische „Fleisch“ in einen Darm und schuf so eine nicht zum Verzehr geeignete Wurst. Roth nahm aber auch Zeitungsstapel, zerschnitt sie in regelmäßige Formen und band sie zu Miniaturbüchern zusammen. Dadurch wurden sie auf prekäre Weise an der Grenze zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit platziert. Das Ausgangsmaterial für diese Werke – Zeitungen aus Großbritannien (Daily Mirror Book, 1961), Deutschland (Kölner Divisionen, 1965) und Island – spiegelt Roths nomadischen Lebensstil, reiste er doch während seiner gesamten Karriere zwischen Kontinentaleuropa, Großbritannien, Island und den Vereinigten Staaten hin und her.

Daniel Milnes

Biografie von Dieter Roth

  • Geboren 1930 in Hannover, Deutsches Reich
  • Gestorben 1998 in Basel, Schweiz

Dieter Roth war ein außergewöhnlich vielseitiger Künstler, der zeichnete, malte, Druckgrafiken und Skulpturen, Assemblagen, Installationen und Künstlerbücher schuf. Darüber hinaus war er Musiker, Dichter und Autor. 

1943 wurde er bei Pflegeeltern in Zürich untergebracht; vier Jahre später absolvierte er bei Friedrich Wüthrich (1905–1980) in Bern eine Lehre als Grafiker. Von 1955 bis 1957 entwarf er in Kopenhagen Muster für Textilien. 

Anschließend ließ er sich in Reykjavik nieder und heiratete die Schauspielerin Sigriður Björnsdóttir. Roth zog ständig um, arbeitete aber hauptsächlich in Reykjavik und Basel. Oft integrierte er Alltagsobjekte, Lebensmittel und andere organische Materialien in seine Werke. 

Während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn schuf er Bücher, Drucke und Multiples. Für kurze Zeit hatte Roth eine Reihe von Lehraufträgen an Kunstschulen in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und in Düsseldorf inne. 1982 vertrat er die Schweiz auf der Biennale von Venedig.