Gerhard Rühm

L’Essentiel de la grammaire (Das Wesen der Grammatik)

Rühm Lessentiel De La Grammaire Mmk Salzburg Frei - © Generali Foundation Collection – Permanent loan to the Museum der Moderne Salzburg
  • Gerhard Rühm
  • L’Essentiel de la grammaire (Das Wesen der Grammatik)
  • 1962
  • Deutsche Grammatik in 6 Tafeln, übermalt mit Tusche, faltbar
  • 46.5 × 68.2 cm
  • - © Generali Foundation Collection – Permanent loan to the Museum der Moderne Salzburg

In den 1950er- und 60er-Jahren begann Gerhard Rühm damit, die Texte von Bücher- und Zeitungsseiten mit dunkler Tusche zu übermalen, bis nur noch eine geringe Anzahl ausgesparter Worte zu sehen war. Rühm, der diese Werke als „Typocollagen“ bezeichnete, ging es darum, die dunklen monochromen Farbfelder und die scheinbar zufälligen Inseln lesbarer Texte in visuelle Variationen von musikalischen Partituren oder Poesie zu überführen. So betrachtet, fungieren die nahezu völlig eingeschwärzten Seiten gewissermaßen als komponierte Pausen innerhalb einer umfassenderen „Darbietung“ der Betrachter, die sich von einem exponierten Wort zum nächsten bewegen. Dadurch ließ sich die umfassendere Struktur des geschriebenen Textes und der Prozess des Lesens in Szene setzen. 

Innerhalb eines solchen Rahmens müssen Werke wie L’Essentiel de la grammaire (Das Wesen der Grammatik, 1962) als Übertragung einer intellektuellen Übung in den Bereich des Visuellen und des Performativen betrachtet werden. Unter Verwendung eines Systems, das den Gebrauch der deutschen Sprache regelt, versucht Rühm die etwas trockene grammatikalische Tabelle durch das Übermalen und das selektive Nebeneinander von Worten und Formulierungen in etwas zu verwandeln, das lyrisch und poetisch ist. Indem er sich außerdem auf die materiellen Eigenschaften der Tabelle selbst, sprich das Layout sowie die Form und Type der Buchstaben, konzentriert statt auf ihre ursprüngliche Funktion (die gleichwohl durch die Entscheidung des Künstlers, den Titel beizubehalten, angedeutet wird), stellt Rühms Intervention den Status des Schaubilds als eines in sich geschlossenen Objekts wieder her und veranschaulicht zugleich die inhärente Formbarkeit und zeitliche Kontingenz sprachlicher Systeme.

Damian Lentini

Biografie von Gerhard Rühm

  • Geboren 1930 in Wien, Österreich

Bekannt wurde Gerhard Rühm durch seine akustischen Kunstwerke, zu denen Lautgedichte und Sprechtexte gehören. Er studierte an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und nahm später Privatunterricht bei dem Komponisten Josef Matthias Hauer (1883–1959). 

Sein herausragendes, Gattungsgrenzen überschreitendes Werk nahm ab Anfang der 1950er-Jahre Gestalt an. Neben der akustischen Kunst widmete Rühm sich auch der Zeichnung, der visuellen Poesie und Fotomontage. Unter anderem experimentierte er mit Übermalung (l’essentiel de la grammaire, 1962) und Collage (Typocollagen, 1955–1963). 

Er gehört zu den ersten „konkreten Poeten“ Wiens und war Mitbegründer der Wiener Gruppe (um 1954–1955), die 1958 die ersten Happenings in Österreich veranstaltete. In seiner Dichtung und Musik, seiner visuellen und akustischen Kunst manifestiert sich sein Interesse an der Sprache und an dem mehrdeutigen Verhältnis von Inhalt und Form. Ihm ging es nicht nur um die Frage, welche Ausdrucksmöglichkeiten die Sprache bietet, sondern auch um die Offenbarung ihres gesellschaftlichen Potenzials. 

1964 zog Rühm nach Deutschland, wo er von 1972 bis 1995 an der Hamburger Hochschule für bildende Künste lehrte. Sein Werk war in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, etwa auf der documenta (1977 und 1987). Rühm erhielt viele bedeutende Preise, u.a. 1991 den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur.