León Ferrari

La civilización occidental y cristiana (Die westliche christliche Zivilisation)

Ferrari The Western Christian Civilization Fundación Augusto Y León Ferrari 1500 - © Fundación Augusto y León Ferrari. Arte y Acervo, Buenos Aires
  • León Ferrari
  • La civilización occidental y cristiana (Die westliche christliche Zivilisation)
  • 1965
  • Gips, Holz und Öl
  • 198 × 122 cm
  • - © Fundación Augusto y León Ferrari. Arte y Acervo, Buenos Aires

Während seiner gesamten Laufbahn entwickelte León Ferrari eine Kunst, die als ein Schmelztiegel von Ethik und Ästhetik fungierte und eine scharfe Kritik darstellte an den politischen und sozialen Strukturen sowie den künstlerischen Traditionen, die ihnen dienlich waren. Ferrari, dessen Vater als Maler für die katholische Kirche arbeitete, stellte einen offenkundigen Widerspruch im christlichen Glauben fest. Von früh an tat er sich schwer damit, den tieferen Sinn dessen zu verstehen, was er als „gerechte Grausamkeit“ bezeichnete, nämlich der brutalen Bestrafungsepisoden, die in der Heiligen Schrift immer wieder vorkommen, von der Sintflut, über das Sodom vernichtende Feuer bis hin zum Jüngsten Gericht und natürlich zur Hölle. 

Da Ferrari der Überzeugung war, dass diese grausame Seite des Christentums die eigentliche Ursache zahlreicher militärischer Aggressionen in der modernen Geschichte war, stellte er diese Idee in den Mittelpunkt seines ikonoklastischen Werks. Als Ferrari 1965 eingeladen wurde, an einer Ausstellung im Instituto Di Tella, einer kulturellen Forschungseinrichtung, teilzunehmen, beschloss er, dort La civilización occidental y cristiana zu präsentieren. Diese Skulptur zeigt den gekreuzigten Christus am Rumpf eines US-amerikanischen Kampfflugzeugs und stellte damit eine massive Doppelkritik, an der christlichen Ikonografie wie an der amerikanischen Außenpolitik, dar. Ferraris Christus symbolisiert hier nicht die Verheißung des ewigen Lebens, sondern agiert stattdessen als Bote eines unmittelbar bevorstehenden Todes, eine Aussicht, die weltweit glaubhaft war, als diese Skulptur auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entstand. Als die amerikanische Intervention in Vietnam dann immer weiter intensiviert wurde, erlangte Ferraris Skulptur den Rang einer Ikone.

Daniel Milnes 

Biografie von León Ferrari

  • Geboren 1920 in Buenos Aires, Argentinien
  • Gestorben 2013 in Buenos Aires, Argentinien

Der Autodidakt León Ferrari arbeitete mit den verschiedensten Medien. Er begann seine künstlerische Laufbahn in den 1950er-Jahren als Bildhauer in Italien. 1955 hatte er seine erste Einzelausstellung in Mailand und kehrte im selben Jahr nach Argentinien zurück, wo er seine künstlerisches Spektrum schon bald um Keramiken, Collagen, Gemälde und Zeichnungen erweiterte. Darüber hinaus arbeitete er mit Gips, Zement, Holz und Edelstahldraht. 

Anfang der 1960er-Jahre setzte er mehr und mehr auch Techniken der Konzeptkunst ein, und es entstanden seine ersten „Geschriebenen Gemälde“ und „Geschriebenen Zeichnungen“. Mit diesen beinahe kalligrafischen Arbeiten lotete er die Grenzen zwischen Linien und Wörtern aus. 

Ferrari ist vor allem für sein Interesse an sozialen und politischen Belangen bekannt, die sich in seiner Kunst widerspiegeln. Sein berühmtes Werk La Civilización Occidental y Cristiana (Die abendländische christliche Zivilisation, 1965) war eines der ersten Kunstwerke, mit denen er gegen die militärische Intervention der Vereinigten Staaten in Vietnam protestierte. 1976 verließ er Argentinien aus politischen Gründen und ging ins selbst gewählte Exil nach Brasilien. Dort schuf er mithilfe der Technik der Heliografie Serien von „Plänen“, die – mit sarkastischen Anmerkungen versehen – Ausschnitte aus labyrinthischen Welten zeigen. Darüber hinaus verfasste er kritische Essays und entwickelte neue Musikinstrumente. 1991 kehrte der vielfach ausgezeichnete Künstler nach Argentinien zurück.