Joaquim Rodrigo

Kultur 1962

Rodrigo Kultur 1962 Museu Nacional De Arte Contemporânea Do Chiado 1500 - © Direção Geral do Património Cultural
  • Joaquim Rodrigo
  • Kultur 1962
  • 1962
  • Tempera auf Leinwand
  • 73 × 92 cm
  • Museu Nacional de Arte Contemporânea – Museu do Chiado, Lisboa, Portugal - © Direção Geral do Património Cultural

Der autodidaktische Künstler Joaquim Rodrigo begann im Alter von 38 Jahren zu malen, als er als Agrarwissenschaftler in Lissabon arbeitete. Während sein Frühwerk im Zeichen der geometrischen Abstraktion steht, die er auf seinen Reisen nach Paris kennengelernt hatte, erlebte Rodrigos Stil in den 1960er-Jahren einen bemerkenswerten Wandel, als er eine ungewöhnliche Hinwendung zur Figuration vollzog. Kultur 1962 (1962) verkörpert beispielhaft Rodrigos Werke aus jener Zeit, in der er eine modernistische Ästhetik mit einem Interesse an nicht-westlicher Kunst verband. Diese Methode erleichterte dem Künstler die Verwirklichung seiner Absicht, zeitgenössische soziale und politische Anliegen in Portugal zu thematisieren, insbesondere den Kolonialismus und die konservative Politik der diktatorischen Estado-Novo-Regierung. Besonders inspiriert wurde Rodrigo hinsichtlich der Themen Narration und Figuration von dem Buch Paredes Pintadas da Lunda (Bemalte Wände von Lunda, 1953) des Anthropologen Jose Redinha, eine Untersuchung indigener Kunst in der Region Lunda in Angola, das damals eine portugiesische Kolonie war. Rodrigo ermöglichte dieses Beispiel nicht-westlicher Kunst die Einbeziehung narrativer Elemente in seine Werke, ohne auf Illusionismus oder Naturalismus rekurrieren zu müssen. 

Indem er darin ausschließlich Farben verwendete, die Rodrigo als „fruchtbar“ bezeichnete Schwarz, Weiß, Rot und Gelb –, schildert Kultur 1962 eine Reihe kryptischer Symbole, die flach in Schwarz- Weiß auf einem ockergelben Feld umrissen sind. Die Komposition, die eine topografische Sicht des städtischen Raums nahelegt, bezieht sich auf die „akademische Krise“ von 1962 in Portugal, als Bereitschaftspolizei den studentischen Protesten gegen die Estado-Novo-Regierung an der Universität Lissabon ein gewaltsames Ende bereitete. Statt die Ereignisse direkt zu schildern, bedient sich Rodrigo einer persönlichen Zeichensprache, die sowohl die Krise als auch seine persönliche Reaktion darauf versinnbildlichen soll.

Rachel Wetzler

Biografie von Joaquim Rodrigo

  • Geboren 1912 in Lissabon, Portugal
  • Gestorben 1997 in Lissabon, Portugal

Der portugiesische Maler Joaquín Rodrigo war Autodidakt und ab 1938 zunächst als Professor für Agrarwissenschaft tätig. 1951 begann er seine Werke in Ausstellungen der Sociedade Nacional de Belas Artes (SNBA) zu zeigen. 

Nachdem er in den 1950er-Jahren bei einem Besuch der Galerie Denise René in Paris Arbeiten von Victor Vasarely und Piet Mondrian gesehen hatte, verwarf er die figurative Malerei zugunsten der Abstraktion. 1954 stellte Rodrigo beim ersten Salon für abstrakte Kunst in der Galeria de Março in Lissabon aus, 1957 präsentierte er sich bei der vierten Biennale von São Paulo und 1958 auf der Brüsseler Weltausstellung (Expo ’58). 

In den 1960er-Jahren, als die Pop-Art in Europa und in den Vereinigten Staaten ihre Blütezeit erlebte, entwickelte Rodrigo eine Art nicht naturalistischen Symbolismus, der figurative und abstrakte Elemente miteinander verschmolz. 

Mehrere Kritiker behaupteten, seine Arbeiten seien von den Werken der Aborigines und anderer indigener Völker beeinflusst. Seine Gemälde aus dieser Zeit üben scharfe Kritik an der Kolonialpolitik. In M.L. (1961) beispielsweise, einem Werk mit afrikanisch anmutender Formensprache und blutroter Farbpalette, spielt Rodrigo auf die Ermordung des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba an. 1972 hatte Rodrigo seine erste Einzelausstellung – eine Retrospektive in den Räumen der SNBA.