Thomas Bayrle

Kennedy in Berlin

Bayrle Kennedy In Berlin Deutsche Bank Collection 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
  • Thomas Bayrle
  • Kennedy in Berlin
  • 1964
  • Lithografie auf Pappe
  • 43 x 61 cm
  • Sammlung Deutsche Bank - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

John F. Kennedys Rede vor dem Rathaus Schöneberg in Berlin am 26. Juni stellte einen bedeutenden Moment in der Geschichte der noch jungen Bundesrepublik Deutschland (BRD) dar. Die Rede Kennedys vor etwa 120 000 Menschen, die wegen seines Bekenntnisses »Ich bin ein Berliner« in bleibender Erinnerung geblieben ist, wurde als der Moment wahrgenommen, in dem die Bürger der isolierten »Insel« West-Berlin sich endlich wieder mit der BRD und dem westlichen Bündnisblock insgesamt verbunden fühlen konnten.

Wie viele andere Westdeutsche wird Thomas Bayrle die Rede im Fernsehen gesehen haben, was die unterschiedlichen Perspektiven erklären dürfte, die er in der Lithografie Kennedy in Berlin (1964) einnahm. Durch eine Reihe von Sprungschnitten zwischen einer Nahaufnahme des seine Rede haltenden Kennedy und verschiedenen Einstellungen, die die Menge und die Architektur des Rudolph-Wilde-Platzes zeigen, versucht Bayrle in seinem Bild möglicherweise die Perspektive des Fernsehzuschauers nachzuempfinden. Ja, wie bei anderen Werken des Künstlers aus jener Zeit auch, scheint sein Interesse dem Schauspiel der Menge selbst zu gelten. Beachtenswert ist auch, dass Bayrle in seiner Komposition die Farben Rot, Weiß, Blau, Gelb und Schwarz (die Farben der Flaggen der Bundesrepublik Deutschland und der USA) verwendete. Besonders bemerkenswert ist Bayrles Entscheidung, dieses Werk zu schaffen, auch dadurch, dass er es nach einem anderen bedeutenden Ereignis, nämlich Kennedys Ermordung fünf Monate später, am 22. November 1963, veröffentlichte. Indem er dieses Bild als Lithografie auflegte, stellte Bayrle sicher, dass es wie seine im Fernsehen übertragene Quelle endlos wiederholt und vervielfältigt werden konnte.

Damian Lentini

Biografie von Thomas Bayrle

  • Geboren 1937 in Berlin, Deutschland (damals Deutsches Reich)

Thomas Bayrle absolvierte von 1957 bis 1959 eine Ausbildung zum Weber und studierte anschließend bis 1961 an der Werkkunstschule in Offenbach – zunächst mit dem Schwerpunkt Gebrauchsgrafik. Schon bald wandte er sich der Druckgrafik zu und machte sich mit Techniken wie Lithografie und Radierung vertraut. Mit Bernhard Jäger (* 1937) gründete er 1962 die Gulliver-Presse und wurde schnell als Drucker und Verleger von Künstlerbüchern bekannt. In seiner künstlerischen Praxis verband sich sein Faible für die (Druck-)Grafik mit seiner Begeisterung für Maschinen und seiner kritischen Haltung gegenüber Mechanisierung und Massenkultur. Die serielle Wiederholung in Rasterstrukturen wurde zum Leitprinzip seines – von der amerikanischen Pop-Art beeinflussten – Wirkens.
Seine Superformen sind aus sich endlos wiederholenden kleinen Logos, Figuren oder Piktogrammen zusammengesetzt und evozieren die globalen Produktionsmechanismen des Kapitalismus.

Zuweilen integrierte Bayrle umstrittene politische Persönlichkeiten in seine Werke (z.B. in Kennedy in Berlin und in Mao und die Gymnasiasten, beide 1964) oder verarbeitete „echte“ Maschinen wie Motoren. Ab Ende der 1970er-Jahre widmete er sich der Film- und Videokunst; später wurde er zu einem Pionier der computergenerierten und -animierten Kunst. Von 1975 bis 2007 lehrte er an der Städelschule in Frankfurt am Main. Seine Arbeiten wurden wiederholt auf der Biennale von Venedig (2003 und 2009) sowie auf der documenta (1964, 1977 und 2012) gezeigt.