Jess (Burgess Franklin) Collins

If All the World Were Paper and All the Water Sink (Wenn die ganze Welt Papier wäre und das ganze Wasser ein Spülbecken)

Jess If All The World Were Paper And All The Water Sink De Young Museum 1500 - © the Jess Collins Trust, used by permission
  • Jess (Burgess Franklin) Collins
  • If All the World Were Paper and All the Water Sink (Wenn die ganze Welt Papier wäre und das ganze Wasser ein Spülbecken)
  • 1962
  • Öl auf Leinwand
  • 96,5 x 142,2 cm
  • Fine Arts Museums of San Francisco - © the Jess Collins Trust, used by permission

Jess (geboren als Burgess Franklin Collins) erhielt eine Ausbildung als Radiochemiker und arbeitete im Zweiten Weltkrieg an der Entwicklung von Plutonium für das Manhattan Project, eine Initiative, die schließlich zum Bau der Atombombe führen sollte. Auch nach dem Krieg setzte er seine Nuklearforschung noch eine Weile fort, doch gab er, geplagt vom Albtraum einer Atomkatastrophe, 1948 seine wissenschaftlichen Ambitionen auf, legte seinen Nachnamen ab und widmete sich von nun an ganz seiner künstlerischen Laufbahn.

If All the World Were Paper and All the Water Sink (1962) macht aus einem Vers in einem Kinderreim („If all the world were paper and all the waters ink“ [„Wenn die ganze Welt Papier wäre und das ganze Wasser Tinte“]) eine apokalyptische Vision, wobei er sich einer identifizierbaren, aber exzentrischen Ikonografie bedient. Auf der Oberfläche scheint die dicke, pastos aufgetragene Farbe fast zu brodeln und verschmilzt ätzende Grün-Gelb-Töne, trübes Grün und Braun, Lachsorange und Kaugummipink miteinander, während im Licht eines weiß glühenden Atompilzes, der in der Nähe der Bildmitte aufscheint, ein Kinderreigen tanzt. Das griechische Symbol Omega (Ω), das „das Ende“ bedeutet, versieht die Wolke mit einem Rand, während eine Eule, Symbol von Weisheit und Tod, im Schnabel eines Papageis, Sinnbild der Torheit, gefangen ist. Links sieht ein als Halbsilhouette gegebener Mann zu, bei dem es sich möglicherweise um ein Selbstporträt des Künstlers handelt, während er Spiel- oder Tarotkarten mischt. Damit wird auf den hohen Einsatz und die drohende Möglichkeit einer Vernichtung zu Zeiten einer waghalsigen Atompolitik hingewiesen. Zwischen dem Betrachter und seinem atomaren Nachtmahr angesiedelt, ist der Künstler ein düsterer Prophet, der die Betrachter vor dem nuklearen Holocaust warnen wollte, der, wie Jess fürchtete, unmittelbar bevorstand.

Amy Rahn

Biografie von Jess (Burgess Franklin) Collins

  • Geboren 1923 in Long Beach, Kalifornien, Vereinigte Staaten
  • Gestorben 2004 in San Francisco, Kalifornien, Vereinigte Staaten

In seinen Malereien und Collagen, in denen er oft Bilder und Symbole aus Mythen, Fabeln, Chemie oder Alchemie aufgreift, erschuf Jess – nach dem Bruch mit seiner Familie Ende der 1940er-Jahre verwendete er nur noch seinen Vornamen – absurde und komplexe Bildwelten. 

1943 wurde der Chemiestudent des California Institute of Technology in die US-Armee eingezogen und dem Ingenieurskorps zugeteilt, in dem er bis 1946 in Oak Ridge, Tennessee, im Rahmen des Manhattan Project an der Produktion von Plutonium für Atombomben arbeitete. Nach dem Abschluss in Strahlenchemie stellte er seine Beteiligung an der Nuklearforschung zunehmend infrage und begann sich der Malerei zuzuwenden. 

1949 schrieb er sich an der California School of Fine Arts (heute: San Francisco Art Institute) ein, wo er unter anderem bei dem Abstrakten Expressionisten Clyfford Still (1904–1980) und dem figurativen Maler Elmer Bischoff (1916–1991) studierte; seine erste Einzelausstellung erhielt er 1950 in der Helvie Makela Gallery in San Francisco. 

In den 1950er-Jahren experimentierte Jess in Stillleben, Porträts und Landschaften, die er mitunter mit Schöpfungsmythen verglich, mit narrativen Ansätzen und Techniken. In dieser Zeit entstanden auch erste Collagen, sogenannte „paste-ups“. Arbeiten aus seiner Serie Translation (Übersetzung, 1959 begonnen) integrieren zudem literarische Texte.