Isamu Noguchi

Humpty Dumpty

Noguchi Humpty Dumpty Whitney Museum 1500
  • Isamu Noguchi
  • Humpty Dumpty
  • 1946
  • 149,9 x 52,7 x 44,5 cm
  • Whitney Museum of American Art, New York © The Isamu Noguchi Foundation and Garden Museum/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Isamu Noguchis Humpty Dumpty (1946) ist ein meisterhaft konstruiertes Kunstwerk. Es besteht aus fünf miteinander verschränkten Steinteilen, die durch sorgfältig angebrachte Kerbungen ohne Zuhilfenahme von Befestigungsmitteln oder Leim ineinandergreifen. Auch wenn Noguchis Konzentration auf altmodische Herstellungsweisen der in der Nachkriegszeit üblichen industriellen Produktion zuwiderlief, waren die Motivation und Anliegen des Künstlers aktuell und zeitgenössisch. Zwischen 1945 und 1948 schuf Noguchi mehr als fünfzehn ineinandergreifende Skulpturen, die alle fragmentierten Figuren aus abgerundeten biomorphen Formen glichen. Diese unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Werke brachten den fragilen Zustand der Humanität, insbesondere nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, zum Ausdruck. Noguchi, Sohn einer amerikanischen Mutter und eines japanischen Vaters, versuchte mittels der Kunst an den gemeinsamen Ursprung der Menschheit zu erinnern. 

Der Titel dieser Skulptur bezieht sich auf den beliebten Kinderreim, in dem eine bemitleidenswerte Figur von einer Mauer fällt und der mit den Worten endet "All the king’s horses and all the king’s men couldn’t put Humpty Dumpty together again" ("Alle Pferde des Königs und all seine Mannen konnten Humpty Dumpty nicht wieder zusammenfügen"). Eine Abbildung in Through the Looking-Glass, and What Alice Found There (Alice hinter den Spiegeln) des englischen Autors Lewis Carroll machte die Vorstellung von Humpty Dumpty als Ei populär. Noguchis Humpty Dumpty erinnert sowohl aufgrund seiner runden Formen als auch wegen des hochzerbrechlichen Materials (Schiefer) an ein Ei. Durch die Betonung der Erzählungen von den organischen Wurzeln der Zivilisation bietet Humpty Dumpty trotz seiner Verwundbarkeit einen Hoffnungsschimmer im Hinblick auf eine Erneuerung.

Megan Hines

Biografie von Isamu Noguchi

  • Geboren 1904 in Los Angeles, Kalifornien, Vereinigte Staaten
  • Gestorben 1988 in New York, New York, Vereinigte Staaten

Isamu Noguchi arbeitete in zahlreichen Medien und Gattungen, darunter Skulptur, Keramik, Architektur und Landschaftsarchitektur, Bühnenbild, Lichtgestaltung und Möbeldesign. Er war inspiriert von japanischen Techniken und von der amerikanischen Moderne und kooperierte mit zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern, unter ihnen die Choreografin Martha Graham (1894–1991) und der Komponist John Cage (1912–1992).

Als Sohn des japanischen Dichters Yonejirō Noguchi (1875–1947) und der amerikanischen Schriftstellerin Léonie Gilmour (1873–1933) lebte Noguchi in den Vereinigten Staaten, hielt sich jedoch auch regelmäßig in Japan auf. Er war 1922 Praktikant des Monumentalbildhauers Gutzon Borglum (1867–1941), und nach dem Besuch von Kursen für Bildhauerei gab er 1924 sein Vorstudium der Medizin an der Columbia University auf, um sich ausschließlich der Kunst zu widmen. 

1927 erhielt Noguchi ein Guggenheim-Stipendium und war für zwei Jahre Assistent im Pariser Atelier von Constantin Brâncuşi (1876–1957). Seine erste skulpturale Auftragsarbeit war News (1938), ein Symbol der Pressefreiheit für die Fassade des Associated-Press-Gebäudes an der New Yorker Rockefeller Plaza. 

Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941 führte die Gegenreaktion gegen japanischstämmige Amerikaner zu einer stärkeren Politisierung seines Werks, und er ließ sich freiwillig in einem Lager in Arizona internieren. Noguchi erhielt für sein Werk zahlreiche bedeutende Auszeichnungen; 1986 vertrat er die Vereinigten Staaten auf der Biennale von Venedig.