Niki de Saint Phalle

Grand Tir - Séance de la Galerie J (Großes Schießbild – Veranstaltung der Galerie J)

De St  Phalle Grand Tir Private Collection Courtesy Galerie Vallois 1500
  • Niki de Saint Phalle
  • Grand Tir - Séance de la Galerie J (Großes Schießbild – Veranstaltung der Galerie J)
  • 1961
  • Gips, Farbe, Schnur, Zaun, Kunststoff auf Spanplatte, Drahtgitter, Holztafel, Plastikballons
  • 142,9 x 77,6 x 7 cm
  • Private Collection, Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris © Niki Charitable Art Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: André Morin

Die beiden Werke von Niki de Saint Phalles in der Ausstellung Grand Tir - Séance de la Galerie J (Großes Schießbild – Veranstaltung der Galerie J) und Fragment de l'Hommage au Facteur Cheval (Fragment of a Homage to Postman Cheval)sind Beispiele für ihre "Shooting Paintings" (Tirs) der 1960er-Jahre, bei denen skulpturale Reliefs durch Zufall und Gewalt in Gemälde verwandelt werden. Sie entstanden infolge performanceartiger Aktionen, bei denen die Künstlerin (oder ihre Kollegen, etwa Robert Rauschenberg oder Jaspar Johns) mit einem Gewehr auf eine weiß beschichtete Reliefarbeit schoss(en), unter der mit Farbe gefüllte Plastikbeutel befestigt waren. Vom Schuss getroffen, »blutete« das Werk dann Farbe, indem diese über die strukturierte Oberfläche spritze und sprühte, auf ihr herabtropfte und entsprechende Spuren hinterließ. Dadurch, dass sie die Oberfläche der Werke zertrümmerte, lenkte de Saint Phalle die Aufmerksamkeit der Betrachter sowohl auf diese als auch auf die in ihnen verborgenen Objekte.

Wie andere Nouveaux Réalistes (Neue Realisten) versucht auch de Saint Phalle, sich in ihrem Werk unmittelbar mit dem zeitgenössischen Leben auseinanderzusetzen, ohne jeden poetischen Eingriff, da sie die Überhöhung der Kunst gegenüber dem Leben ablehnte. De Saint Phalles Tirs bringen nicht nur die weiße Oberfläche des Kunstwerks zum Bersten, sondern auch die Unterscheidung zwischen Kunstwerk und Schöpfungsakt. Dadurch wird das Werk beides zugleich: Dokument der Aktion und eigenständiges Kunstobjekt. Gemeinsam mit der Farbe ergibt das Schießpulver ein Muster, und die Brüche, Risse und Hohlräume sind Teil des dreidimensionalen Reliefs der Oberfläche. In diesen Werken geht es also ebenso sehr um die Zerstörung der Kunst wie um ihre Hervorbringung.

Coroline Wallace

Biografie von Niki de Saint Phalle

  • Geboren 1930 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich
  • Gestorben 2002 in San Diego, Kalifornien, Vereinigte Staaten

Niki de Saint Phalle, als Künstlerin eine Autodidaktin, verbrachte den größten Teil ihrer Kindheit in New York. Ihre ersten Gemälde entstanden 1950. Zwei Jahre später zog sie nach Paris und besuchte die Schauspielschule. Nach einem Nervenzusammenbruch im Jahr 1953 wandte sie sich im Zuge der Therapie der Malerei zu und beschloss Künstlerin zu werden.

1955 ging sie nach Spanien, wo Antonio Gaudís Werk, vor allem sein Park Güell in Barcelona, sie tief beeindruckten. Nach ihrer Rückkehr nach Paris lernte sie ihren späteren Mann Jean Tinguely (1925–1991) kennen, mit dem sie 1960 eine Liebesbeziehung einging. Als Künstlerin erregte sie zum ersten Mal Anfang der 1960er-Jahre mit ihren Schießbildern Aufmerksamkeit – reliefartigen Assemblagen aus Gips mit versteckt angebrachten Farbbeuteln, auf die sie aus einiger Entfernung schoss. So hielten Zufall, Spektakel und Performance Einzug in die Kunst.

Später beschäftigte sich de Saint Phalle vor allem mit dem Thema Frauen und Eros. 1965 schuf sie ihre ersten Nanas – runde, bunt bemalte, archetypische Frauenfiguren. Eine ihrer bedeutendsten Auftragsarbeiten war Hon (Sie) (1966), eine begehbare, rund sechs Meter hohe liegende Nana, die im Moderna Museet in Stockholm die Beine spreizt. Zusammen mit Tinguely realisierte sie auch größere Werke wie z.B. den Strawinski-Brunnen (1982) in Paris. Ihr Tarotgarten in der Toskana, ein ambitioniertes Projekt, an dem sie 20 Jahre lang arbeitete, wurde 1998 eröffnet.