Avinash Chandra

Early Figures (Frühe Figuren)

Chandra Early Figures Collection Of The Leicestershire County Council 1500 - © The Estate of Avinash Chandra
  • Avinash Chandra
  • Early Figures (Frühe Figuren)
  • 1961
  • Öl auf Holztafel
  • 92 × 122 cm
  • Leicestershire County Council Artworks Collection - © The Estate of Avinash Chandra

Der junge, in Indien geborene Avinash Chandra erlebte, wie seine Nation 1947 von der britischen Herrschaft unabhängig wurde. Obwohl er bereits in Modernismus geschult war, als er nach London zog, stieß er auf den Widerstand von Kritikern, die die Fähigkeit eines indischen Künstlers infrage stellten, in einem originären und modernen Idiom zu malen. Als Reaktion hierauf ging Chandra in sich, hinterfragte seine Rolle als Maler und schuf letztlich Werke, die seine humanistischen Werte widerspiegelten. Für den indischen Künstler war die Moderne kein exklusives Recht der Europäer, sondern eine Erfahrung, die Menschen in der ganzen Welt miteinander teilten. 

Early Figures (1961), das Chandra fünf Jahre nach seinem Umzug von Neu-Delhi nach London malte, ist ein gutes Beispiel für den Vorstoß des Künstlers in einen modifizierten figurativen Stil, der seine Unterweisung in moderner Kunst in Indien und sein Interesse an Werken europäischer Künstler miteinander verband. In diesem Gemälde von vier nebeneinander angeordneten Figuren feiert Chandra die menschliche Sexualität mittels des Vokabulars der geometrischen Abstraktion. Auch wenn die Anwendung der rationalen Geometrie den erotischen Inhalt des Werks auszuschließen scheint, kombiniert Chandra die beiden in dieser ausdrucksstarken Komposition und schafft so eine Einheit von Gegensätzen. Vier totemartige, aus Kreisen, Rechtecken und Dreiecken bestehende Figuren stehen unter einem graublauen Himmel, an dem vier kleine stilisierte Wolken über ihnen schweben. Phallische Formen überschneiden sich hier in einer Feier des Unterschieds mit abstrahierten weiblichen Genitalien. Die menschliche Präsenz beherrscht die Komposition und kennzeichnet Chandras Übergang von einem Maler reiner Landschaften zu einem Kommentator der Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt.

Megan Hines

Biografie von Avinash Chandra

  • Geboren 1931 in Shimla, Britisch-Indien
  • Gestorben 1991 in London, Vereinigtes Königreich

Avinash Chandra machte 1952 sein Examen an der Delhi Polytechnic Art School und unterrichtete dort von 1953 bis 1956. 1954 wurde er bei der First National Exhibition of Art in Neu-Delhi mit dem ersten Preis ausgezeichnet, und die im selben Jahr eröffnete National Gallery of Modern Art erwarb sein Gemälde Trees (1954). Anfang der 1950er-Jahre war er Mitglied der progressiven Künstlerbewegung Delhi Silpi Chakra. 1956 zog Chandra mit seiner Frau Prem Lata, einer Künstlerin, nach London, wo er 1957 am Imperial Institute seine erste Einzelausstellung in Großbritannien hatte.

Zu Beginn der 1960er-Jahre wurden seine Werke auch im Rest Europas bekannt, und 1962 erhielt er den Prix Européen. Chandra war der erste indische Künstler, der sowohl auf der documenta (1964) als auch in der Tate Britain (1965) ausstellte. Während seine frühen, meist intensiv farbigen Gemälde Stadtansichten und Landschaften – oft mit wirbelnden Sonnen und Monden – darstellen, entwickelte er in den 1960er- und 1970er-Jahren allmählich eine sexuell explizitere Bildsprache aus übereinandergeschichteten runden Formen und Körpern. 1965 erhielt er ein Stipendium der Rockefeller Foundation, mit dem er 1966 nach New York ging. 1973 kehrte er nach London zurück.