Luis Felipe Noé

¿A donde vamos? O presente (Wohin gehen wir? Oder Gegenwart)

Noé Where Are We Going Or Present Paula And Gaspar Noé Collection 1500 - © Luis Felipe Noé
  • Luis Felipe Noé
  • ¿A donde vamos? O presente (Wohin gehen wir? Oder Gegenwart)
  • 1964
  • Öl, Papiercollage, Kunststoff auf Leinwand und Holz
  • 260 × 255 cm
  • Courtesy Luis Felipe Noé - © Luis Felipe Noé

¿A donde vamos? O presente (1964) ist Ausdruck eines offenen Begriffs dessen, was ein Kunstwerk sein kann. Das Werk ist weder ein Staffeleibild noch eine Collage oder Skulptur, vielmehr lässt es die Beschränkungen einer traditionellen künstlerischen Klassifizierung gänzlich hinter sich. Der argentinische Künstler streift die reine Ästhetik zugunsten einer Mischung aus Figuration und Abstraktion ab und erzeugt so eine unübersichtliche Stilmischung. 1961 war der Künstler Mitbegründer der argentinischen Grupo Nueva Figuración (Gruppe Neue Figuration), die von Noé als ein Kreis von Malern beschrieben wurde, „der das Bedürfnis verspürt, die Freiheit der Figur in unsere Ausdrucksfreiheit einzubeziehen“. In seiner Abhandlung „Anti-Ästhetik“ von 1965 lehnte er sämtliche ästhetische Standards zugunsten einer sich dem Chaos verdankenden Freiheit ab, die für Noé der Schlüssel zur Entwicklung einer neuen Vision von Menschlichkeit war.

Noé kritisierte scharf, dass sich sein Land an europäischen Standards orientierte. Er war der Überzeugung, Argentinien solle sich darum bemühen, seine eigene Kultur zu pflegen, statt den Geschmack seiner ehemaligen Kolonialherren zu imitieren, und die Kunst spielte für ihn bei dieser Neuausrichtung eine entscheidende Rolle. Der Titel dieses Werks stellt die Frage „Wohin gehen wir?“ und verbindet so, und das ist wichtig, das Selbstverständnis einer Kultur mit ihren Chancen für die Zukunft. Das von Hand hingekritzelte Wort „PRESENTE“ (Gegenwart) erscheint auf einer Tafel, die an das Schild eines protestierenden Streikpostens erinnert und verweist so darauf, dass der gesellschaftliche Wandel nicht von selbst eintritt, sondern nur durch aktives bürgerliches Engagement, indem der Einzelne sich bemerkbar macht.

Megan Hines

Biografie von Luis Felipe Noé

  • Geboren 1933 in Buenos Aires, Argentinien

Der argentinische Künstler und Schriftsteller Luis Felipe Noé studierte Malerei und Rechtswissenschaften, ehe er 1961 die Künstlergruppe Otra Figuración (Andere Figuration) mitgründete. Das prozessorientierte, experimentelle Werk der Gruppe, die sich der neuen Figuration verbunden fühlte, reflektierte die turbulente gesellschaftliche und politische Lage Argentiniens in den 1960er-Jahren. „Ich glaube an das Chaos als einen Wert“, sagte Noé. 

Sein aus neun Einzelbildern bestehendes Gemälde Introducción a la esperanza (Einführung in die Hoffnung), das eine chaotische, aufgebrachte Menschenmenge zeigt, die Protestschilder hochzuhalten scheint, wurde 1963 mit dem Premio-Palanza-Preis des Instituto Torcuato Di Tella ausgezeichnet.

Obwohl sich Otra Figuración 1963 offiziell auflöste, nahm die Gruppe 1964 an der Ausstellung für den Guggenheim International Award teil. Ein Jahr später erhielt Noé ein Guggenheim-Stipendium und zog nach New York. Dort schuf er ephemere skulpturale Installationen und veröffentlichte das antiästethische Pamphlet Antiestética

1967 kehrte er nach Buenos Aires zurück, eröffnete eine Bar und entwarf komplexe Rauminstallationen mit Spiegeln, die ihn zu den absurden Elementen seines 1974 publizierten Romans Recontrapoder inspirierten. Nachdem sich das Militär 1976 an die Macht geputscht und Isabel Perón abgesetzt hatte, zog Noé nach Paris. 

1975 nahm er die Malerei wieder auf, schuf expressive Landschaftsbilder und erfand eine Technik, mit der sich eine Art Knittereffekt auf der Leinwand erzielen ließ. 1987 kehrte er nach Argentinien zurück.