Konferenz: "Postwar: Art Between the Pacific and the Atlantic, 1945–1965" / Vortrag von Iftikhar Dadi, 22.05.14

Calligraphic Abstraction
[Kalligrafische Abstraktion]

Als Kalligrafische Abstraktion wird die Kunstpraxis bezeichnet, die sich im Laufe der Entkolonialisierung seit Mitte des 20. Jahrhunderts in Nahost, Süd- und Südostasien sowie Nordafrika entwickelt hat. Die Überschneidung moderner Kalligrafie mit postkubistischer Kunst stellt eine breite künstlerische Bewegung dar, die in verschiedener Weise gedeutet werden kann: als Erneuerung einer traditionell mit Ehrfurcht betrachteten Kunstform für die moderne Zeit, als individueller und subjektiver Ausdruck, als materialisierter Dialog mit dem Nationalismus oder als kritische Auseinandersetzung mit einer transnationalen Moderne. Kalligrafische Abstraktion kann als eine moderne, transnationale, “islamische” ästhetische Form betrachtet werden, die zwischen den gemeinsamen Begriffen einer sehr großen geografischen Region neue Verbindungen herstellt. Sie erkennt das Fortleben der textuellen Vergangenheit an, ist aber zur Abstraktion geworden und hat sich damit einem Dialog mit urbanen künstlerischen Sprachen geöffnet – ihre Reichweite wurde somit global. Die rasche Herausbildung der kalligrafischen Abstraktion war das Ergebnis eines komplexen Wechselspiels von Einflüssen, darunter neue Konzeptionen modernistischer Subjektivität, das Bedürfnis, nationale Kultur im Zuge der Entkolonialisierung neu zu formulieren, sowie der Wunsch nach gleichberechtigter Teilnahme an einer transnationalen Moderne. Indem Künstler klassisch “islamische” Kunstformen mit der Moderne verschmolzen, haben sie neue ästhetische und emotionale Kräfte freigesetzt, die vom heroischen Zeitalter der Entkolonialisierung bis zum heutigen Tag reichen.

Iftikhar Dadi
Iftikhar Dadi ist außerordentlicher Professor am Institut für Kunstgeschichte sowie Inhaber des Lehrstuhls für Kunst an der Cornell University in Ithaca, USA. Seine Forschungsinteressen umfassen postkoloniale Theorie sowie moderne Kunst und Populärkultur mit dem Schwerpunkt Süd- und Westasien. Zu seinen Publikationen zählen das Buch “Modernism and the Art of Muslim South Asia” (University of North Carolina Press 2010 & Munshiram Manoharlal 2012) sowie zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden. 2012 war er Mitkurator von “Lines of Control” über territoriale Teilungen und Grenzen. Als Künstler arbeitet er mit Elizabeth Dadi zusammen und war in vielen internationalen Ausstellungen vertreten.