Neue Menschenbilder

Pablo Picasso, Massacre in Korea, 1951 - © Musée national Picasso, Paris © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Pablo Picasso, Massacre in Korea, 1951 - © Musée national Picasso, Paris © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Der tiefe Schock über die systematische Ausrottung von Menschen in Auschwitz und die atomare Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki führte zu zwiespältigen politischen Versuchen, durch neue Rechtsformen wie die Vereinten Nationen und die Menschenrechtserklärung von 1948 gerechtere geopolitische Systeme zu etablieren. Diese erschienen auf den ersten Blick allgemeingültig, waren jedoch westlich dominiert. Gleichzeitig begann man in den ehemaligen europäischen Kolonien für volle Bürgerrechte und die Autonomie des Volkes zu kämpfen. Philosophen und Künstler wollten die menschliche Natur selbst eingehender erforschen und führten Debatten, zu denen auch die Diskurse der Négritude und des Existenzialismus gehörten, sowie die Frage nach den Rechten von Einzelnen und Gruppen innerhalb größerer (oft repressiver) gesellschaftlicher und politischer Einheiten. „Neue Menschenbilder“ stellt solche Untersuchungen in Bildform in den Mittelpunkt, in denen Menschen oft misshandelt und durch die Schrecknisse des modernen Lebens deformiert erscheinen und von der Frage nach ihrem Selbstwert zerrissen werden.

Diese Künstler kombinierten oft bewusst Figuration und materielle Faktur und weigerten sich, zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit – bzw. zwischen physischem und gesellschaftlichem Leben – zu wählen, da sie das Binäre nicht nur als ideologisch falsch, sondern auch als zutiefst destruktiv betrachteten. Bei einer Nachkriegskunst-Konferenz in Darmstadt 1950 fanden die politischen Gegner Hans Sedlmayr und Theodor W. Adorno erstaunlicherweise einen gemeinsamen Nenner, als sie beide in der zeitgenössischen Kultur das Zentrum vermissten: Die zeitgenössische Kunst schien nicht in der Lage zu sein, fundamentale menschliche Anliegen wie Emotionalität und Alltagsleben anzusprechen. Diese Sorge teilten auch ostdeutsche Emigranten wie Georg Baselitz, der die politisch aufgeladene Entscheidung zwischen Abstraktion und Sozialistischem Realismus umging und dabei völlig deformierte, aber sehr lebendige individuelle Figuren darstellte. 1959 trug die MoMa-Ausstellung „New Images of Man“ Beispiele zeitgenössischer Kunst von 23 amerikanischen und europäischen Künstlern zusammen, darunter Francis Bacon, Willem de Kooning, Albert Giacometti und Jackson Pollock. In seiner Einleitung zum Katalog warnte der Theologe Paul Tillich vor „der Gefahr, in der der moderne Mensch lebt: der Gefahr, seine Menschlichkeit zu verlieren“ – einer Gefahr, die sowohl im Totalitarismus als auch in der technologieorientierten Massengesellschaft angesiedelt sei.

Die wichtigste Gegenkraft zum universalistischen westlichen Humanismus kam in unterschiedlichen Strömungen aus den ehemaligen europäischen Kolonien. Leopold Senghor schrieb 1961 von der Notwendigkeit, das menschliche Wesen zu spezifizieren und auszuloten, und zwar im Gegensatz nicht nur zum modernen (westlichen), sondern auch zum marxistischen Universalismus: „Der Mensch ist nicht ohne Heimatland. Er ist nicht ein Mensch ohne Hautfarbe oder Geschichte oder Staat oder Zivilisation. Er ist ein westafrikanischer Mensch, unser Nachbar, der durch seine Zeit und seinen Ort präzise bestimmt ist ... ein Mensch, der jahrhundertelang gedemütigt wurde, und dies vielleicht weniger wegen seines Hungers und seiner Nacktheit, sondern vielmehr wegen seiner Farbe und seiner Zivilisation; gedemütigt in seiner Würde als leibhaftiger Mensch.“ Die Arbeiter, die Inji Efflatoun gemalt hat, drücken diese spezifische Würde aus.

Manchmal, wie in Franz Fanons Neuem Menschen, erhoben die ehemals Kolonialisierten den moralischen Anspruch, Humanismus weitreichend und universell zu definieren – ein Recht, das der Westen mit seinem unmenschlichen Verhalten im Krieg und bei der Kolonisation außer Kraft gesetzt hatte. Diesen neuen Humanismus erkennen wir in den Denkern, die der indische Künstler Francis Newton Souza dargestellt hat - farbige Körper, die sich das traditionelle intellektuelle und ethische Vorrecht des westlichen Menschen aneignen. Der südafrikanische Künstler Ernest Mancoba schlug noch eine andere Neuformulierung des universalistischen Humanismus vor: Für ihn ist eine Aufteilung in Identitätskategorien Bestandteil des Kolonialismus und liegt auch den Brüchen in der Kunst zugrunde: „In keinem anderen Bereich hat diese systematische Dichotomie die eigentliche Grundlage der menschlichen Identität mehr zerstört als in den Künsten, da beide Teile der Natur angehören und an der Quintessenz eines idealen Wesens teilhaben.“

Künstler im Kontext