Netzwerke, Medien & Kommunikation

Ed Ruscha, Hurting the Word Radio I (Dem Wort Radio wehtun I), 1964 - © The Menil Collection, Houston

Ed Ruscha, Hurting the Word Radio I (Dem Wort Radio wehtun I), 1964 - © The Menil Collection, Houston

Am Schluss verschiebt „Postwar“ das Verständnis einer mit Massenkultur befassten Kunst weg vom üblichen Fokus auf Konsumgüter und die Zeichen, Symbole und Logos, die für sie Werbung machten, und hin zur Verteilung, Verbreitung und Kommunikation jener Zeichen durch Technologie und Netzwerke. Einige Künstler haben sich gewiss auf die Kraft der Darstellung konzentriert. My Darling Clementine (1963) von Hervé Telemaque erforscht durch narrative Gegenständlichkeit weitverbreitete Rassenklischees.

Politisch orientierte Kritik betont häufiger einen neueren Kapitalismus, die „Coca-Colonization“, die sich von Amerika her weltweit verbreitet hatte, wie in Takamatsu Jirōs Strings in Bottle von 1963 und León Ferraris La civilización occidental y cristiana (Westlich-christliche Zivilisation) von 1965 deutlich wird. Eine solche Ausbreitung war nur durch eine globale Informationsvermittlung und –verteilung möglich, wie sie in Arbeiten von Derek Boshier, Thadeusz Kantor und Gerhard Rühm beschworen wurde, die den Luftpostbrief zu ihrem Sujet machten.

Kommunikation lag auch den kybernetischen Systemtheorien zugrunde, die viele internationale Künstler mit ganz unterschiedlichen ästhetischen und politischen Ausrichtungen angesprochen haben. Eine besondere Anziehungskraft übten sie auf Künstler aus, die über Staatsgrenzen hinweg nach Affinitäten suchten: 1961 zeigte die Ausstellung Neue Tendenzen in Belgrad Arbeiten von 29 Künstlern aus Argentinien, Österreich, Brasilien, Frankreich, Deutschland, Italien, der Schweiz und Jugoslawien. Ziel dieser neuen optischen und kinetischen Kunst wie etwa jener von Mohammed Melehi war die Informationsvermittlung auf einer fundamentalen, physiologischen Wellenlänge, die sich über die kulturellen Besonderheiten von Einzelsprachen hinwegsetzen konnte. In ähnlicher Weise führte die Kommunikation Künstler zu neuen Technologien. Die Mitglieder der britischen „Independent Group“, vor allem John McHale, orientierten sich an den technologischen, sogar futuristischen Aspekten der populären Kultur, von Transistoren bis hin zu Robotern. Die Künstler des Fluxus und andere, etwa Lucio Fontana, Otto Götz und Nam June Paik, experimentierten mit dem neuen Medium der Fernsehübertragung und wollten eine Kunst schaffen, die nicht nur auf dem letzten Stand der Technik war, sondern auch ein Publikum jenseits der Kunstgalerien ansprach. Alle diese Künstler suchten nach einer Kunst, die einer Welt entsprach, die wie ein einziges, integriertes System bzw. ein einziger Organismus funktionierte: Hier wird das Paradigma, das sich in der Einführung der Ausstellung schon andeutete, bewusst und voll realisiert.

Es gibt heute eine klare Verbindung zwischen den Systemtheorien etwa von György Kepes, Norbert Weiner und Marshall McLuhan und der Vision einer verbundenen Welt, in der Informations- und Kapitalbeziehungen nationale Identität ersetzen. Der letzte Abschnitt der Ausstellung mit seinem Schwerpunkt auf Kommunikation und Verbreitung, Konflikt und Kontrolle dient als Klammer zum ersten Abschnitt, der sich mit technischen Neuerungen, erkenntnistheoretischer Verschiebung und politischer Neuordnung befasst hat, symbolisiert durch die Atombombe. Theorien von Feedback und Kommunikation, die aus den wissenschaftlichen Grundlagen der Atombombe hervorgingen, führten, ebenso wie der Vietnamkrieg, zur Umstrukturierung von Großstädten auf der ganzen Welt. Und so ist das letzte Kapitel der Ausstellung „Postwar“ gleichzeitig ein Rückblick und ein Blick nach vorn – auf die nächste Episode dieses ehrgeizigen Ausstellungszyklus: „Postkolonialismus“.

Künstler im Kontext