Konkrete Visionen

Hélio Oiticica, Metaesquema, 1955 - © Privatsammlung, São Paulo

Hélio Oiticica, Metaesquema, 1955 - © Privatsammlung, São Paulo

Neben dem internationalen abstrakten Stil, der die Nachkriegswelt beherrschte und in erster Linie materialistisch und gestisch war, blieb auch die geometrische Abstraktion der Vorkriegszeit weiter bestehen, wobei sich ihre Stoßrichtung allerdings deutlich von ihren Vorläufern unterschied. Die Konkrete Kunst in Südamerika vereinte den Vitalismus eines Joaquín Torres Garcia mit der europäischen Moderne und wurde zu einem völlig eigenständigen Phänomen. Moderne Formen wurden hier schon frühzeitig übernommen - parallel zu einem nationalistischen Developmentalismus, der sich nicht nur als Gegenteil, sondern als Konkurrent des westlichen Kapitalismus verstand. Auf die „konkrete“ Kunst – von Gruppen wie „Madí“ und Protagonisten wie Waldemar Cordeiro – folgten in Lateinamerika bald die „neokonkreten“ Künstlerinnen und Künstler wie Lygia Clark und Helio Oiticica, deren Arbeit formal sehr ähnlich wirkte, sich im Geiste indes deutlich von ihren Vorläufern unterschied. In Clarks Worten: „Wir benutzen den Begriff ‚neokonkret’, um uns von Künstlern abzugrenzen, die sich einer nichtgegenständlichen ‚geometrischen’ Kunst und besonders einer bestimmten Art konkreter Kunst verschrieben haben, die von einem gefährlich scharfen Rationalismus … beeinflusst ist, da hier kein Grundprinzip formuliert ist, das unserer Vorstellung vom Ausdruckspotential der Kunst gerecht wird." Stattdessen war die Neokonkrete Kunst von einem anti-rationalen Vitalismus erfüllt – gesellschaftlich spezifisch, körperlich teilnehmend und psychologisch befreiend. In diesem Sinne passt die Neokonkrete Kunst mit dem nichtprogrammatischen Alltagsformalismus eines Künstlers wie Ellsworth Kelly, dessen „geometrische“ Kunst sich vom Rationalismus und – darüber hinausgehend – auch von Autorität und Dogmatismus früherer Avantgarden abwendet.

Künstler im Kontext