Formsuchende Nationen

Jacques Villeglé, "OUI" - Rue Notre-Dame-des-Champs („JA“ – Rue Notre-Dame-des-Champs), 1958 - © Privatsammlung, Courtesy Galerie GPS N Vallois, Paris

Jacques Villeglé, "OUI" - Rue Notre-Dame-des-Champs („JA“ – Rue Notre-Dame-des-Champs), 1958 - © Privatsammlung, Courtesy Galerie GPS N Vallois, Paris

„Nationalismus“ ist ein Wort, das sich in der Nachkriegszeit ständig in Bewegung befand. In diesem Sinne hat der Begriff der „Nation“ ebenso wie der des „Nationalismus“ zu gründlichen Überlegungen geführt, wie die jeweilige Ausformung kultureller und gesellschaftlicher Identität sowie die politischen Gemeinschaften, in denen sie begründet ist, zu verstehen wären. Benedict Anderson benutzt den Begriff der „gedachten Gemeinschaft“, um zu beschreiben, wie sich die Auffassungen von Nation und Nationalismus verändern. In seiner bahnbrechenden Studie zu diesen Konzepten formuliert er entscheidende Einsichten, wenn er zum Nachdenken über „die politische Kraft von Nationalismen im Gegensatz zu ihrer philosophischen Armut und sogar Inkohärenz“ auffordert. In Anbetracht der unheilvollen Geschichte des Nationalismus im 20. Jahrhundert – vor allem seiner falschen Verwendung und seines Missbrauchs in Ländern wie Deutschland und Japan vor und im Zweiten Weltkrieg – ist es umso wichtiger, den Begriff „Nation“ in dieser Abteilung der Ausstellung, „Formsuchende Nationen“, genau auszuloten.

Künstler in den Vereinigten Staaten und Europa haben es häufig abgelehnt, sich mit den Regierungen ihrer Länder, die sich als korrupt und militaristisch erwiesen hatten, gemein zu machen. In Ländern, die erst vor kurzer Zeit um ihre Unabhängigkeit gekämpft und sie erlangt hatten, hatte Nationalismus eine andere Wertigkeit, und so suchten Künstler im Irak, in Kuba, China, Indien und Pakistan, Israel, Indonesien, Thailand, den Philippinen, Nigeria, dem Senegal und Südafrika nach kulturellen Formen, um neue nationale Identitäten zu artikulieren und darzustellen.

So engagierten sich zum Beispiel nigerianische Künstler in Institutionen und in der Regierung, wobei sie sich persönlich für die nationale Unabhängigkeit und die Rolle der Kultur bei der Errichtung einer nationalen Identität einsetzten. Ben Enwonwu und Uzo Egonu stellten afrikanische Masken und Instrumente dar und schienen dabei die europäische Aneignung solcher Bildwelten zu kritisieren. In Ägypten schilderte Gazbia Sirry das Martyrium von Ägyptern unter der britischen Besatzung, wobei er die Bedingungen in seinem Land gleichzeitig auch mit der Unterdrückung der Afroamerikaner in Zusammenhang setzte (deren Bürgerrechtsbewegung, die das Werk von Jack Whitten und anderen inspirierte, durchaus nationalistisch getönt sein konnte).

Man bemühte sich um eine Definition dessen, was an einer Identität wirklich „national“ war – etwa in der Debatte darüber, ob man kulturelle Traditionen aufgeben solle, um unabhängig und modern zu werden, oder ob indigene Identitäten ausschlaggebend für neue nationale Identitäten seien. In Südostasien wurde dies zu einer Entscheidung zwischen Osten und Westen, wobei „der Westen“ für Europa, Zukunft, Bildung und technischen Fortschritt stand und „der Osten“ für indigenes Wissen und nicht-westliche Identität, Vergangenheit und Tradition. Während die nationalistische Bewegung Indiens gegen den westlichen Kolonialismus kämpfte, betrachteten viele Inder genau diesen Westen als ihre Zukunft. Wie sollte man also ein regional unverwechselbares kulturelles Selbstbewusstsein stärken? Die Künstlergruppe „Progressives“, die ihre Blütezeit in den Jahren nach der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 hatte, fand mehrere Lösungen: Francis Souza, der in seinen Werken biblische Figuren als dunkelhäutig oder sogar schwarz darstellte, hatte Erfolg bei britischen Kritikern, die ihn mit Francis Bacon verglichen. Maqbool Fidal Husain blieb dagegen in Indien, als seine Altersgenossen das Land verließen: „Sie sagten zu mir, dass ich mich in Indien als Künstler nicht weiterentwickeln könne und mitkommen solle, aber glücklicherweise war ich verheiratet, also konnte ich nicht einfach das Land verlassen! Mein Hauptanliegen war die indische Kultur, also schlug ich diesen Weg ein.“ Husains Werk feiert Hindu-Gottheiten, allerdings weniger ihre religiösen als ihre visuellen Aspekte.

Künstler im Kontext