Form ist bedeutsam

Tetsumi Kudo, The Flowing Movement and Its Condensation in Mind (Die fließende Bewegung und ihre Kondensation in den Gedanken), 1958 - © Aomori Museum of Art

Tetsumi Kudo, The Flowing Movement and Its Condensation in Mind (Die fließende Bewegung und ihre Kondensation in den Gedanken), 1958 - © Aomori Museum of Art

Die materialistische Abstraktion ist ebenfalls in der Ausstellung vertreten und zwar durch Arbeiten, die unter Sammelbegriffen wie „Art Informel“, „abstrakter Expressionismus“ und „Gutai“ zusammengefasst wurden, sowie durch Künstler, die zwar das Aussehen dieser Werke übernahmen, allerdings andere, oft lokale Bedeutungen im Material und seiner Handhabung fanden. Kritiker unterstrichen damals den Wettstreit der Stile, der in historischen Berichten häufig in nationale Konkurrenz überging und zum Beispiel den Franzosen Nicolas de Stael am Amerikaner Franz Kline maß, der als Symptom der offiziellen Förderung amerikanischer Werte wie individuelle Freiheit und Demokratie betrachtet wurde, die man in abstrakter Malerei verkörpert fand.

Heute ist es einfacher, den transnationalen Charakter vieler dieser künstlerischen Strategien zu erkennen, und die Ausstellung „Postwar“ zeigt die geistige Verwandtschaft von Ideen und Materialien bei Künstlern, die von Europa nach Amerika emigriert waren. Sie geht auf das Zusammentreffen von Künstlern in Metropolen wie Paris, London und Mexiko-Stadt ein und macht die Nähe und Verbreitung von Kunstwerken in internationalen Ausstellungen und Kleinverlagspublikationen deutlich. Yoshihara Jirō in Japan, Jean Dubuffet in Frankreich und Avinash Chandra in Indien glaubten zum Beispiel alle an eine organische, materialistische und vitalistische Kunst. Andere Künstlerinnen und Künstler wie Carolee Schneemann, Hermann Nitsch, Niki de Saint Phalle, Tetsumi Kudo und Shigeko Kubota wollten die gestische Malerei auf Ganzkörper-Performance-Experimente ausweiten.

In ihrem Abweichen von früheren europäischen Wiederholungen von Moderne ist diese materialistische Kunst typisch für die Nachkriegszeit. Kritisch gegenüber dem Rationalen und der Wissenschaft lehnte sie oft die Geometrie ab, die sie als eine Sackgasse betrachtete, welche letztendlich nur in den Krieg und zur Atombombe führte. Man zog die Geste vor, grobes Material, den Zufall und die Gesetze der Physik: Oberflächen sind tastbar, rau und uneben. Künstler wie Alberto Burri, Jiří Kolář, Antoni Tàpies, Mohan Samant, John Latham und Ivo Gattin gingen noch weiter, um die Entropie der Materie und, konkreter, die Zerstörung der Nachkriegs-Landschaft in Folge der Traumata und noch längst nicht beseitigten Ruinen des Krieges zu beschwören.

Künstler im Kontext