Mark Tobey

Verso i Bianchi (Dem Weißen entgegen)

Tobey Towards The Whites Galleria Civica D Arte Moderna E Contemporanea 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. By courtesy of the Fondazine Torino Musei. All Rights Reserved
  • Mark Tobey
  • Verso i Bianchi (Dem Weißen entgegen)
  • 1957
  • Tempera auf Papier
  • 122 × 71 cm
  • GAM – Galleria Civica d’Arte Moderna e Contemporanea, Torino - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. By courtesy of the Fondazine Torino Musei. All Rights Reserved

Mark Tobeys Entwicklung als Künstler hat viel mit seiner Freundschaft mit Teng Baiye, einem chinesischen Emigranten, zu tun, der an der University of Washington in Seattle studierte. Dank Teng reiste Tobey später nach China und Japan, wo er einige Zeit in einem Zen-Kloster verbrachte und Sumi-e (Tuschmalerei) und Kalligrafie kennenlernte. Er beschrieb den Osten als jenen Ort, an dem er seinen „kalligrafischen Impuls“ empfing, wo aber auch der Wunsch in ihm geweckt wurde, „die hektischen Rhythmen der modernen Stadt“ zu malen, „die wechselseitige Verflochtenheit von Lichtern und Menschenströmen, die sich in den Maschen dieses Netzes verfangen haben“. Beides hat der Künstler in Verso i Bianchi (Dem Weißen entgegen, 1957) festgehalten. Tobey bediente sich hier seines Verfahrens des „white writing“ (Weiß-Schreibens), indem er weiße Linien neben leuchtend roten, ockerfarbenen und lebhaften gelben malte, die sich über die tiefe, dunkle Leere des Hintergrunds zu schlängeln scheinen. Die Linien wirken, als würden sie sich in der Mitte der Komposition verheddern und an den Rändern des Bildes entwirren. 

Tobey stand mit seinem Interesse an der Kalligrafie nicht alleine da. Für westliche Künstler wie Isamu Noguchi (1904–1988) und André Masson (1896–1987) war sie ein Mittel zur Ausweitung eines abstrakten Idioms. Aus Sicht vieler Kritiker half die Annäherung östlicher und westlicher Bildtropen in der Nachkriegszeit beim Vernähen der Wunden, die durch die Atombombenabwürfe der Vereinigten Staaten über Nagasaki und Hiroshima verursacht worden waren. Auch wenn Tobeys Werk nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Sinne interpretiert wurde, hatte er seine kalligrafischen Abstraktionen bereits 1934 begonnen. Für Tobey sollten seine kalligrafischen Linien eine spirituelle Tragweite vermitteln, sodass es bei Verso i Bianchi um die Akzeptanz einer universellen Menschlichkeit gehen dürfte.

Adrianna Campbell

Biografie von Mark Tobey

  • Geboren 1890 in Centerville, Wisconsin, Vereinigte Staaten
  • Gestorben 1976 in Basel, Schweiz

Mark Tobey ist bekannt für seine ungegenständlichen Werke aus vielschichtig und gleichmäßig auf der Bildoberfläche verteilten Pinselstrichen, die an asiatische Kalligrafie erinnern. 

Er studierte von 1906 bis 1908 Malerei am Art Institute of Chicago und arbeitete ab 1911 als Modezeichner in New York und Chicago. Seine frühen Porträtzeichnungen wurden 1917 in seiner ersten Einzelausstellung in der New Yorker Galerie Knoedler & Co. ausgestellt. 

Ein Jahr später zog er nach Seattle, wo er mit der Bahai-Religion in Berührung kam und konvertierte. Seine Freundschaft mit dem chinesischen Maler Teng Kuei und seine Auslandsreisen förderten sein nachhaltiges Interesse an ostasiatischer Philosophie und Ästhetik (chinesische Kalligrafie, persische und arabische Schrift). 

1925 zog Tobey von Seattle nach Paris und bereiste anschließend für etwa zwei Jahre Europa und den Nahen Osten. Seine Reisen nach China und Japan 1934 führten schließlich zur Entstehung seiner „weißen Schriften“. Diese abstrakten Kompositionen in gedämpften Farbtönen, die aus verdichteten Schichten kalligrafischer Linien bestehen, wurden erstmals 1944 in der New Yorker Willard Gallery ausgestellt. 

Tobeys Kunst war seit den frühen 1960er-Jahren in zahlreichen Einzelausstellungen und Retrospektiven zu sehen. Er erhielt den Guggenheim International Award (1956) und den Internationalen Preis für Malerei der Biennale von Venedig (1958).