Carl Andre

Timber Piece (Well) (Holzstück [Brunnen])

Andre Timber Piece Well Museum Ludwig 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: © Rheinisches Bildarchiv Köln: rba_c024180
  • Carl Andre
  • Timber Piece (Well) (Holzstück [Brunnen])
  • 1964/70
  • Eisenbahnschwellen aus Holz (28 Teile)
  • 213 x 122 x 122 cm
  • Museum Ludwig Köln / Schenkung Ludwig - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: © Rheinisches Bildarchiv Köln: rba_c024180

In den 1960er- und ’70er Jahren schuf der amerikanische Künstler Carl Andre innovative Skulpturen, die eine wesentliche Rolle bei der Definition des Charakters der minimalistischen Kunst spielten. In seiner konstruktivistischen Praxis ging es ihm darum, nahezu alle Herstellungsspuren des skulpturalen Objekts zu tilgen und die Werke stattdessen direkt vor Ort aufzustapeln oder aufzuschichten. Durch die Offenlegung seines Entstehungsprozesses wird ein Werk wie Timber Piece (Well) (1964/1970) buchstäblich von seiner traditionell erhöhten Position auf dem üblichen Sockel gestoßen und findet sich in der Sphäre des Alltags wieder.

Doch auch wenn Andres Bemühungen, mit der Kunstpraxis wieder an den Alltag anzuknüpfen, eine Gemeinsamkeit zwischen ihm und verschiedenen konstruktivistischen Künstlern der Vorkriegszeit darstellt, bringen seine Werke weder eine soziale Botschaft noch eine kosmische Ordnung zum Ausdruck und entbehren jeglicher, über ihre eigene Materialität hinausgehenden Bedeutung. Dadurch machen sie sich eine Form der erfahrungsbezogenen Wahrheit zu eigen, die normalerweise mit den Schriften des im 18. Jahrhundert tätigen Philosophen David Hume assoziiert werden. Vor diesem geistigen Hintergrund stellen das Ausmaß und die Masse von Timber Piece (Well) (Holzstück [Quelle]) den Schlüssel zum Verständnis des Werkes dar. Das 2,10 m hohe Werk zwingt die Betrachter, um es herumzulaufen und auf diese Weise die Beziehung zwischen sich selbst, dem Objekt und dem Umraum zu erleben. Diese Reaktion ähnelt eher der zwischen einem Betrachter und einem Denkmal oder sogar zwischen einem Betrachter und Architektur. Es ist dies eine kategoriale Mehrdeutigkeit, auf die man auch aufgrund des in Klammern gesetzten Untertitels des Werkes rückfolgern kann.

Damian Lentini

Biografie von Carl Andre

  • Geboren 1935 in Quincy, Massachusetts, USA

Carl Andre besuchte von 1951 bis 1953 das Internat Phillips Academy in Andover, Massachusetts, und reiste anschließend nach Frankreich und England. Er war tief beeindruckt von Stonehenge. 1956 zog er nach New York, wo er eng mit seinen früheren Klassenkameraden Frank Stella (* 1936) und Hollis Frampton (1936–1984) zusammenarbeitete. Während dieser Zeit beschäftigte er sich mit dem literarischen Werk Ezra Pounds und entwickelte ein wachsendes Interesse an den Arbeiten Constantin Brâncuşis (1876–1957). Am bekanntesten sind Andres frühe, aus Einzelteilen zusammengesetzte Holzskulpturen und seine Equivalents-Serie – flache, läuferartige Arrangements aus gerasterten Metallelementen, die bei seiner ersten Galerieausstellung bei Tibor de Nagy in New York 1965 erstmals gezeigt wurden. Andre schrieb außerdem mehr als tausend Gedichte, die nach den Prinzipien des Serialismus optisch gegliedert sind. Von 1960 bis 1964 arbeitete er für die Pennsylvania Railroad. Die Erfahrungen, die er dort machte, prägten seine späteren Kunstwerke und seine persönliche Haltung. 1969 trat er der Art Workers Coalition bei, einer Künstlervereinigung, die sich für eine Reformierung der Museumspolitik einsetzte. 1966 nahm er an der Minimalismus-Ausstellung Primary Structures im Jewish Museum in New York teil. 1970 widmete ihm das Solomon R. Guggenheim Museum in New York eine Retrospektive.