Lee Krasner

The Seasons (Die Jahreszeiten)

Krasner The Seasons Whitney Museum Frei - © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Digital Image © Whitney Museum, N.Y.
  • Lee Krasner
  • The Seasons (Die Jahreszeiten)
  • 1957
  • Öl und Fassadenfarbe auf Leinwand
  • 235.6 × 517.8 cm
  • Whitney Museum of American Art, New York. Purchased with funds from Frances and Sydney Lewis by exchange, the Mrs. Percy Uris Purchase Fund and the Painting and Sculpture Committee 87.7 - © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Digital Image © Whitney Museum, N.Y.

The Seasons (1957), das auf den gestischen, figurativen Werken aufbaut, die Lee Krasner im Jahr davor begonnen hatte, markiert einen wichtigen Wechsel in puncto Maßstab und Unmittelbarkeit. Dieses Gemälde ist Teil ihrer aus siebzehn Werken bestehenden Earth Green-Serie, mit denen sie 1956 gerade erst begonnen hatte, als sie vom Tod ihres Mannes Jackson Pollock erfuhr. 

Nachdem Krasner ihr Atelier aus einem Schlafzimmer ihres Zuhauses in die große Scheune verlegt hatte, in der ihr Mann gearbeitet hatte, wurden ihre Werke deutlich großformatiger. Ihre abstraktexpressionistischen Formen nahmen einen immersiven Maßstab an und waren von einer malerischen Unmittelbarkeit. Als die Earth Green-Serie 1958 ausgestellt wurde, schrieb der Kunstkritiker B. H. Friedman: „Die Gemälde sind eine überwältigende Affirmation des Lebens.“ 

Die reifen runden Formen, die kurvig-gestischen Linien, herabtröpfelnden Farbrinnsale und die satte pink-grüne Palette von The Seasons sind zugleich überschwänglich und beherrscht. Die sepiabraunen Linien definieren malerische Farbfelder, verdichten den Raum des Gemäldes und ergeben eine Synthese kraftvoller, miteinander ringender Elemente. Kritiker haben pflanzenartige Knospenformen, Blumen, Früchte, Eier und figurative Andeutungen von Brüsten und weiblichen Genitalien in diesem Werk gesehen, die Fruchtbarkeitszyklen von Geburt und Wachstum, aber vielleicht auch die Nähe von Reife und Verfall suggerieren. Mit der Kombination von automatischer Zeichnung und malerischer Technik lässt The Seasons die Betrachter in einer Welt versinken, die Tragödie und Lebhaftigkeit in einer malerischen Schwebe hält. „Die Malerei ist nicht vom Leben getrennt“, hat Krasner gesagt. „Beides bildet eine Einheit. Es ist so, als frage man sich: Möchte ich leben? Meine Antwort lautet Ja – und ich male.“

Amy Rahn

Biografie von Lee Krasner

  • Geboren 1908 in Brooklyn, New York, Vereinigte Staaten
  • Gestorben 1984 in New York, New York, Vereinigte Staaten

Lee Krasner, eine bekannte Malerin des Abstrakten Expressionismus, gehört zu den wenigen Künstlerinnen, denen das New Yorker Museum of Modern Art eine Retrospektive gewidmet hat (1984). Sie studierte zunächst an der Women’s Art School of The Cooper Union, danach an der National Academy of Design (1928–1932). 

Ab 1934, während der Weltwirtschaftskrise, arbeitete sie für das Federal Art Project der Works Progress Administration, eine staatliche Fördermaßnahme für bildende Künstler; ab 1937 besuchte sie die private Kunstschule von Hans Hofmann. 

Ihre frühen Gemälde waren noch von der europäischen Moderne beeinflusst, doch bald darauf lernte Krasner die amerikanischen Abstrakten Expressionisten kennen. 1942 nahm sie an der Ausstellung American and French Painting bei McMillen Inc. in New York teil. Dort lernte sie den Künstler Jackson Pollock (1912–1956) kennen; das Paar heiratete 1945. Beide erwiesen sich als sehr einflussreich für die Kunst des anderen. Krasners Serie der Little Images (1946–1950), die in einer kontrollierten Tropftechnik („dripping“) ausgeführt wurde, umfasst 31 kleinformatige Abstraktionen, die an Kalligrafie und Hieroglyphen erinnern. 

Für ihre Collagen der 1950er-Jahre „recycelte“ Krasner frühere Arbeiten, doch nach Pollocks Tod 1956 begann sie, großformatige Abstraktionen zu schaffen, deren breite Pinselstriche starke körperliche Gesten verlangten. Ihre erste Einzelausstellung fand 1955 statt, und die Londoner Whitechapel Gallery zeigte 1965 eine Retrospektive ihrer Werke.