Ibrahim El Salahi

The Prayer (Das Gebet)

El Salahi The Prayer Iwalewahaus 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. DEVA, Universität Bayreuth
  • Ibrahim El Salahi
  • The Prayer (Das Gebet)
  • 1960
  • Öl auf Masonit
  • 61.3 × 44.5 cm
  • Iwalewahaus, Universität Bayreuth - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. DEVA, Universität Bayreuth

Als Ibrahim El-Salahi nach einer Ausbildung im Sudan und an der Londoner Slade School of Fine Art in seine Heimat zurückkehrte, wurde ihm und seinen Werken dort bei seinen ersten Ausstellungen nur ein lauwarmer Empfang zuteil. Wie viele Künstler seiner Generation bemühte er sich intensiv um ein produktives Gleichgewicht zwischen regionalen und internationalen Einflüssen und versuchte ein Publikum zu finden, bei dem sein Werk auf einen Widerhall stieß. Schließlich entdeckte El-Salahi eine künstlerische Nische für sich, indem er seine westliche Ausbildung mit den geschwungenen, auf die arabische Kalligrafie zurückgehenden Linien verband und so eine moderne Kunst erfand, die nicht nur seine Landsleute im Sudan ansprach, sondern auch andere modernistisch arbeitende Künstlerkollegen in Nord- und Westafrika. 

The Prayer (1960) und Vision of the Tomb (1965) beruhen auf der Präzision und Anmut kalligrafischer Linien. The Prayer (Das Gebet) erkundet die grafischen Eigenschaften von Schrift und hat einen Vers aus dem Koran zum Gegenstand: „Bitte ändere nicht unsere Herzen, nachdem du uns das Licht gezeigt hast, und sei uns gnädig, Allgeber.“ Der Umstand, dass die Schrift mit Mustern aus der sudanesischen Volkskunst verflochten ist, zeigt, dass der Kosmopolitismus bestimmter moderner Künstler nicht immer von deren Interaktion mit europäischen Kulturen bestimmt war. Bei Vision of the Tomb (Vision des Grabes) variiert die Palette des Künstlers von starkem Blau, Schwarz und Rot bis hin zu dünnen Grau- und Elfenbein-Lavierungen. Der gegen ein staubiges Braun abgesetzte Turm aus sacht emporsteigenden Formen evoziert die arabische Schrift und scheint vor dem Betrachter schimärengleich Gestalt anzunehmen.

Joseph Underwood

Biografie von Ibrahim El Salahi

  • Geboren 1930 in Omdurman, Sudan

Ibrahim El Salahi entwickelte ein ausgeprägtes Interesse an arabischer Kalligrafie als Kommunikationsmittel, aber auch als rein ästhetischer Form, und beschäftigte sich mit den natürlichen Farben, der Symbolik und den dekorativen Traditionen seiner Heimat. Er studierte an der School of Design des Gordon Memorial College in Khartoum (1949–1952) und erhielt 1954 ein Stipendium, um an der Slade School of Fine Art in London zu studieren.

Nach der Befreiung des Sudans von der britischen Kolonialherrschaft kehrte er 1957 nach Khartoum zurück und begann, am Khartoum Technical Institute zu lehren. In den folgenden drei Jahren (1958–1961) arbeitete er daran, aus den zahlreichen – islamischen, afrikanischen, arabischen und westlichen – ästhetischen und kulturellen Einflüssen, denen er ausgesetzt war, einen eigenen Stil zu entwickeln. Er trat als einer der führenden Künstler der Schule von Khartoum hervor und schloss sich dem Mbari Club in Ibadan, Nigeria, an. Nach seiner Entlassung aus einer plötzlich ohne Gerichtsverfahren verhängten Haftstrafe im Sudan (1975) ging er zunächst nach Doha, Katar, und ließ sich 1998 in Oxford, England, nieder.

Ausgehend von seinen Gefängniserlebnissen, entwickelte El Salahi Ende der 1970er- bis Mitte der 1990er-Jahre in einen prägnanten Schwarz-Weiß-Stil. Er war 2013 der erste afrikanische Künstler, dem die Tate Modern in London eine Retrospektive widmete.