Saloua Raouda Choucair

The Poem (Das Gedicht)

  • Saloua Raouda Choucair
  • The Poem (Das Gedicht)
  • 1960
  • Holz
  • 34 x 16.5 x 13 cm
  • Sharjah Art Museum, Sharjah Museums Department

Zwischen 1963 und 1968 schuf Saloua Raouda Choucair unter dem Titel Poems eine Reihe skulpturaler Werke aus unterschiedlichen Materialien wie Holz, Messing, Ton, Fiberglas oder Aluminium. Ihre Begeisterung für ebenmäßige, organisch wirkende Systeme hatte sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt, in den 1950er-Jahren, dazu inspiriert, in ihrer Serie Trajectory of a Line mit modularen Formen zu arbeiten. Die Art und Weise, wie die Künstlerin in den beiden hier gezeigten Poems aus dem Holz, mit dem sie arbeitete, unregelmäßige, ineinander verschachtelte Formen entstehen ließ, markierte einen nächsten Schritt in ihrer Auseinandersetzung mit den Grundbausteinen der Natur. Inspiriert von der Sufi-Dichtung, in der jede Strophe sowohl losgelöst als auch als Teil des Gedichts gelesen werden kann, stellten die einzelnen Blöcke der beiden Skulpturen für die Künstlerin zugleich autonome und abhängige Formen dar. Da sich die Skulpturen in ihre Einzelteile zerlegen, neu zusammensetzen und wieder in die größere Struktur einfügen lassen, wecken sie den Spieltrieb des Betrachters und laden zur Interaktion ein. Doch wie bei jedem Puzzle liegt ihnen letztlich eine komplexe Scheinlogik zugrunde, sodass eine organische, ästhetische Einheit nur durch vorher festgelegte Gruppierungen entstehen kann. Obwohl das Werk Choucairs von der Kunstkritik sowohl dem konstruktivistischen als auch dem minimalistischen Paradigma zugeordnet wurde, waren es für die Künstlerin selbst angesichts der sich in ihrem Heimatland, dem Libanon, in den 1970er-Jahren abzeichnenden Spannungen Begriffe wie Solidarität und Feindschaft, die sie mit den einzelnen wie mit den zusammengesetzten Modulen verband.

Tiffany Floyd

Biografie von Saloua Raouda Choucair

  • Geboren 1916 in Beirut, Libanon, (vormals Osmanisches Reich)

Saloua Raouda Choucair nahm Mitte der 1930er-Jahre in Beirut bei Moustafa Farroukh (1901–1957) und später bei Omar Onsi (1901–1969) Malunterricht. Eine Ägyptenreise im Jahr 1943 weckte ihre Begeisterung für die islamische Kunst und Architektur. 1947 stellte sie in der Galerie für arabische Kultur in Beirut abstrakte Werke aus – ein echtes Novum in diesem Teil der Welt.

1948 zog sie nach Paris, wo sie an der École des Beaux-Arts Aktzeichenkurse besuchte und bei Fernand Léger (1881–1955) Unterricht nahm. Ihr Hang zu geometrischen Formen und arabischen Schriftzeichen veranlasste sie 1950, gemeinsam mit anderen Avantgarde-Künstlern, zur Gründung des Atelier de l’Art Abstrait. Zu dieser Zeit schuf sie ihre ersten nichtgegenständlichen Werke und begann, mit sich wiederholenden Formen zu experimentieren. 1951 kehrte sie nach Beirut zurück.

Choucair arbeitete mit unterschiedlichen Medien und Materialien, doch bekannt sind vor allem ihre Holz- und Steinskulpturen wie z.B. die Poems – abstrakte Gebilde, die aus gleichartigen Modulen zusammengesetzt sind. Trotz ihres frühen Erfolgs in Paris, wo sie schon Anfang der 1950er-Jahre im Salon des Réalités Nouvelles ausstellte und in der Galerie Colette Allendy eine Einzelausstellung hatte, wurde Choucairs Œuvre außerhalb des Libanon kaum zur Kenntnis genommen. Das änderte sich erst, als ihr die Tate Modern in London 2013 eine Retrospektive widmete.