Barnett Newman

The Beginning (Der Anfang)

Newman The Beginning The Art Institute Of Chicago 1000 - © Barnett Newman Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photography © The Art Institute of Chicago
  • Barnett Newman
  • The Beginning (Der Anfang)
  • 1946
  • Öl auf Leinwand
  • 101,6 x 75,6 cm
  • The Art Institute of Chicago, through prior gift of Mr. and Mrs. Carter H. Harrison - © Barnett Newman Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photography © The Art Institute of Chicago

Der Maler-Philosoph Barnett Newman rang in den Nachkriegsjahren damit, nach den Erschütterungen durch die Traumata des 20. Jahrhunderts mit der Rolle des Künstlers zurechtzukommen. Der Kunsthistoriker Richard Shiff schrieb in diesem Zusammenhang, Newman »glaubte, dass er sich in seinem Leben mit einer Reihe moralischer Krisen auseinandersetzen musste: der Weltwirtschaftskrise, dem Krieg, dem Holocaust, der Atombombe. Für einen Bürger, der Künstler geworden war, genügte es nicht, das Umfeld eines solchen Lebens zu beobachten und es ästhetisch zu fassen.

The Beginning (1946) zeigt Newman bei der Entwicklung seines formalen Vokabulars miteinander kontrastierender Linien oder "zips", senkrechter Streifen, die entstanden, indem er bestimmte Abschnitte des Gemäldes abklebte und präzise Linien zeichnete. Diese "zips", die in seinen späteren Werken häufig als abstrakte Platzhalter für Figuren gedeutet wurden, sind hier wohl eher als Lichtstrahlen gedacht. Malerische Vektoren aus Gelb und Rot erstrecken sich nahezu senkrecht über blaue und weiße, mit Grüntönen durchsetzte Abschnitte. Die Strahlen gehen von einer Art Hügel am unteren Rand des Gemäldes aus und legen so entweder dessen Herstellung oder dessen Zerstörung nahe. Newman, der sich des Potenzials der Bombe, alles zu zerstören, vollkommen bewusst ist, verbindet hier eine dem Alten Testament entnommene Vision ‒ sprich die Schöpfung, die mit Gottes Anordnung "Es werde Licht" beginnt ‒ und das Licht der alles in Schutt und Asche legenden Atombombe. Der Künstler verortete so "den Anfang" nahe beim Ende und situierte sich selbst und die Praxis der Malerei an dem nervenaufreibenden Schnittpunkt der beiden.

Amy Rahn

Biografie von Barnett Newman

  • Geboren 1905 in New York, New York, Vereinigte Staaten
  • Gestorben 1970 in New York, New York, Vereinigte Staaten

Barnett Newman gehörte der New Yorker Schule des Abstrakten Expressionismus an, seine Bilder zeichnen sich durch ihre extreme formale Reduktion und einen herausfordernden Purismus aus. Schon als Teenager besuchte Newman Kurse der Art Students League, wo er einen anderen abstrakten Künstler, Adolph Gottlieb (1903–1974), kennenlernte. 

Ab 1927 arbeitete Newman im Textilunternehmen seines Vaters, bis er 1932 eine Teilzeitstelle als Lehrer annahm. Anfang der 1940er-Jahre gab er die Kunst auf und zerstörte seine expressionistischen Werke. 1944 begann er wieder zu malen und erreichte einen Durchbruch mit Onement, I (1948), seinem ersten monochromen Gemälde, dessen Oberfläche durch einen vertikalen Streifen geteilt ist; dieser sogenannte „zip“ wurde sein Erkennungszeichen. 

Seine erste Einzelausstellung in der Betty Parsons Gallery 1950 erhielt harsche Kritiken, doch im Laufe der 1960er-Jahre wurde sein Werk immer positiver aufgenommen. Seine Serie The Stations of the Cross (1958–1966) wurde 1966 im New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum gezeigt.

Obwohl Newmans Werk nicht sehr umfangreich ist, hatte er einen starken Einfluss auf seine Zeitgenossen und nachfolgende Künstlergenerationen. Newman verfasste außerdem zahlreiche Rezensionen, Zeitschriftenartikel und Essays über Kunst und Musik.