Jacques Villeglé

Rue Jacob. 5 décembre 1961 (Rue Jacob, 5. Dezember 1961)

Villeglé Rue Jacob 5 Decembre 1961 Courtesy Galerie Georges Philippe Nathalie Vallois 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: André Morin
  • Jacques Villeglé
  • Rue Jacob. 5 décembre 1961 (Rue Jacob, 5. Dezember 1961)
  • 1961
  • Plakatabrisse auf Leinwand
  • 114 × 225 × 3 cm
  • Privatbesitz, Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: André Morin

Jacques Villeglé fand die Anregungen für seine Kunst in zerrissenen und zerfledderten Stücken von Plakaten auf den Straßen von Paris. Bis in die 1960er-Jahre hatte diese Ressource mit der Ausweitung von gedruckter Werbung und dem wachsenden Konsum sehr stark zugenommen. Die Stadt war mit legalen und illegalen Plakaten zutapeziert, und das Durcheinander von Farben und Formen ähnelte einem Schlachtfeld nach einem Nahkampfeinsatz. Villeglé sammelte alle Arten und Größen von Plakatabrissen, auch beschmutzte oder überschriebene, und sah darin Antworten und Reaktionen auf deren inhaltliche Mitteilungen. 

Aus solchen Fundstücken gestaltete er grafische Tafeln von beachtlicher Größe, wie Rue Jacob, 5 décembre 1961 (1961). Die Risse und Kanten in den fragmentierten Botschaften stehen für die unterschiedlichen Möglichkeiten der Passanten, ihre Meinung unter dem Kommunikationsdruck einer modernen dynamischen Stadt zu äußern. Was allerdings tatsächlich damit gesagt wird, ist nicht eindeutig und lässt den Betrachter im Zweifel. Doch es ist gerade diese Unklarheit in dem abgeschlossenen Kommunikationssystem, die aus dieser Arbeit eine Sozialkritik macht. Die Menge der Meinungen entspricht den eingerissenen, sich überlappenden bunten Plakaten: Die Stücke sind dabei so unterschiedlich voneinander, dass das Bild wie ein Patchwork aus Dialogen wirkt. Villeglé signierte seine Plakatkunst zwar selten, aber er dokumentierte die Fundorte seiner Plakatabrisse. Hier war es in der Rue Jacob. Neben der wachsenden Vielfalt an Postern, Ankündigungen und Anzeigen verbreiteten sich neue Medien der Massenkommunikation, wie der Fernseher und das tragbare Radio, um Zuschauer, Hörer und Verbraucher weltweit mit Ideen und Kunst zu beliefern.

Petronela Soltész

Biografie von Jacques Villeglé

  • Geboren 1926 in Quimper, Frankreich

Jacques Villeglé ist bekannt für seine Kunst aus Plakatabrissen. Er begann 1944 ein Studium der Malerei an der École des Beaux-Arts in Rennes, wo er seinen Kommilitonen Raymond Hains (1926–2005) kennenlernte. 

Von 1947 bis 1949 studierte Villeglé Architektur an der École supérieure des Beaux-Arts de Nantes Métropole. Da er mit beiden Studiengängen unzufrieden war, begann er, an den Stränden des Atlantiks Gegenstände aufzusammeln und sie zu Skulpturen zusammenzufügen, wie beispielsweise Fils d’acier – Chaussée des Corsaires, Saint-Malo (1947). 

1949 zog Villeglé nach Paris und schloss sich wieder mit Hains zusammen, der ihm die Technik der Decollage zeigte. Nach ihrem ersten gemeinsamen Werk, Ach Alma Manetro (1949; betitelt nach den sichtbaren Wortfragmenten), fuhren beide Künstler bis 1954 damit fort, zerrissene Plakate von öffentlichen Werbetafeln abzureißen und sie auf ihre Leinwände zu kleben. 

Mehr als fünf Jahrzehnte lang erforschte Villeglé das künstlerische, dokumentarische und gesellschaftskritische Potenzial dieser Technik, die er als affiches lacérées (zerrissene Plakate) bezeichnete. Während sich seine frühen Werke vor allem auf Wortfragmente beschränken, interessierte er sich später mehr für Farben und Formen. 

Villeglé verfasste 1958 den Text „Des réalités collectives“, ein Vorläufer des „Manifeste du Nouveau Réalisme“ (1960). Villeglés Werke wurden in über hundert Ausstellungen in den USA und in Europa gezeigt.