Richard Hamilton

Respective (Respektive)

Hamilton Respective Pallant House Collection Frei - © R. Hamilton. All Rights Reserved/VG Bild-Kunst, Bonn 2016
  • Richard Hamilton
  • Respective (Respektive)
  • 1951
  • Öl auf Leinwand auf Holztafel
  • 91,5 × 122 cm
  • Pallant House Gallery, Chichester, UK (Wilson Loan 2006) - © R. Hamilton. All Rights Reserved/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Das Interesse Richard Hamiltons an den Grundlagen der Perspektive verdankt sich seinem Besuch von Vorlesungen, die Walter Bayes (1869–1956) in den späten 1930er-Jahren an den Royal Academy Schools hielt. Bayes reduzierte die Perspektive auf ihre wesentlichen Elemente: Punkte standen für den Betrachter, während eine Reihe zweiteilender waagrechter und senkrechter Linien den Horizont und das Sehzentrum des Betrachters anzeigten. Anfang der 1950er-Jahre hatte Hamilton diese „wissenschaftliche Ästhetik“ dergestalt weiterentwickelt, dass durch ihre Anwendung auf Werke wie Respective (1951) abstrakte Markierungen und durchscheinende Felder eine komplexe Kartografie ergaben. 

Erweitert und vertieft wurden diese elementaren Wahrnehmungsstudien durch James J. Gibsons Einsichten in die menschliche visuelle Wahrnehmung, vor allem seine während des Krieges durchgeführten Untersuchungen der Natur des empirisch verifizierten Raums, die häufig auf Luftaufnahmen beruhten. In Respective (Respektive) vervielfältigte und kombinierte Hamilton Bayes’ traditionelle Perspektiven mit Gibsons dynamischen Gesichtspunkten und verankerte die Gesamtkomposition so durch eine Serie von Zielen, die die eigene Sicht „wie einen Scheibenmittelpunkt“ fixieren. 

Die Bandbreite dieser unterschiedlichen Sensationen, mit denen sich der Betrachter konfrontiert sieht – das Oszillieren zwischen senkrechten und waagrechten Achsen und der Umstand, dass der Blick in verschiedene Richtungen gezogen wird, bevor er sich auf einen Punkt konzentriert – ist auch eine Anspielung auf die verschiedenen Geschwindigkeiten, mit denen man das Dasein in den 1950ern erlebte. So hat der Kunstkritiker und Kurator Lawrence Alloway einmal darauf hingewiesen, dass die Erfahrung der Bewegungsparallaxe, die in diesen Werken zum Tragen kommt, eine Entsprechung im klassischen Hollywoodfilm hat. Besonders gilt dies für ein dahinrasendes Auto, das von einem fahrenden Zug aus wahrgenommen wird, oder für den Blick durch die Windschutzscheibe eines fahrenden Autos.

Damian Lentini

Biografie von Richard Hamilton

  • Geboren 1922 in Pimlico, London, Vereinigtes Königreich
  • Gestorben 2011 in North End, Vereinigtes Königreich

Die frühen Arbeiten des Malers und Collagekünstlers Richard Hamilton gelten als erste Beispiele der Pop-Art. Hamilton hatte vor dem Zweiten Weltkrieg ein Studium an der Saint Martin’s School of Art begonnen und setzte dieses später an der Royal Academy und Slade School of Art fort. 

In den frühen 1950er-Jahren erfolgten erste Ausstellungen am Institute of Contemporary Arts (ICA) in London, wo er auch am Gründungstreffen der Independent Group teilnahm. Nachdem er Eduardo Paolozzis Collagereihe Bunk (1947–1952) gesehen hatte – sie gilt als prägend für die Entstehung der Pop-Art  –, begann Hamilton damit, Werbematerial für die Independent Group zu entwerfen, darunter das Plakat Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing? (Was macht unser Zuhause eigentlich so anders, so anziehend?) für die Ausstellung This Is Tomorrow in der Whitechapel Gallery (1956). Diese Collage gilt allgemein als Ikone und Auftakt der Pop-Art.

Hamiltons Werk wurde in bedeutenden Ausstellungen in der Tate Gallery in London (1970, 1992), der documenta IV in Kassel (1968), im Solomon R. Guggenheim Museum in New York (1973) und auf der Bienal de São Paulo (1989) präsentiert. Nach dessen Tod organisierte die Tate Modern in London zusammen mit dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid eine große Retrospektive des Künstlers (2014).