Jacques Villeglé

Palissade aux palmiers (Palisade mit Palmen)

Villeglé Palissade Aux Palmiers Mai 1957 Courtesy Galerie Georges Philippe Nathalie Vallois 1500 - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: André Morin
  • Jacques Villeglé
  • Palissade aux palmiers (Palisade mit Palmen)
  • 1957
  • Plakatabrisse auf Holz
  • 111,5 × 45,5 × 3 cm
  • Privatbesitz, Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: André Morin

Jacques Villeglés Palissade aux palmiers (1957) bietet einen Blick auf die sich ändernde Stadtlandschaft im Frankreich der Nachkriegszeit. Im Zweiten Weltkrieg wurden Paris und andere französische Städte stark zerstört, und im darauffolgenden Jahrzehnt waren die Bewohner neben dem nacktem Überleben vor allem mit dem Wiederaufbau befasst. Mitte der 1950er-Jahre waren die wirtschaftliche Erholung und der Wiederaufbau Frankreichs bereits weit fortgeschritten. Paris fand zu seiner dynamischen Kultur zurück, und die kommerziellen Aktivitäten und die Werbung in der Hauptstadt nahmen wieder stark zu. Täglich wurden überall in der Stadt Plakate mit Werbeslogans und politischen Botschaften angebracht oder abgerissen. Die Mauern waren von einem chaotischen Durcheinander von Worten, Bildern und Farbe bedeckt. Ironischerweise nahm der Abfall an kommerziellen Plakaten zu, als die Stadt ihre architektonische Vitalität wie auch ihre Handelsaktivitäten wiedererlangte. Villeglé entfernte, manchmal zusammen mit seinem Mitarbeiter Raymond Hains (1926‒2005), zerrissene Ausschnitte dieser Plakate, klebte sie auf Holz und nannte das Ganze affiches lacérées (zerrissene Plakate). Indem sie diese als Artefakte präsentierten, würdigten die Künstler diese unbeabsichtigten Kreationen, die das Ergebnis zerstörerischen Handelns durch anonyme Passanten waren.

Während Frankreich in der Nachkriegszeit zu neuem Leben erwachte, kämpfte Algerien als französische Kolonie in Nordafrika um seine Unabhängigkeit. Der Titel dieses Werks Palissade aux palmiers (Palisade mit Palmen) deutet auf Frankreichs Mittelmeerkolonie mit seinen vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Stränden und Palmen hin. Der blutige, sich in die Länge ziehende Algerienkrieg (1954‒1962) spaltete die französische Gesellschaft. Plakate und Graffiti, die den Krieg verurteilten oder unterstützten, kämpften um einen Platz auf den Mauern der Stadt und schufen eine Kakophonie aus sich widersprechenden Stimmen. Dadurch dass Villiglé sich Teil dieser Plakate aneignete, betonte er den Kampf um die ideologische Repräsentation im öffentlichen Raum.

Megan Hines

Biografie von Jacques Villeglé

  • Geboren 1926 in Quimper, Frankreich

Jacques Villeglé ist bekannt für seine Kunst aus Plakatabrissen. Er begann 1944 ein Studium der Malerei an der École des Beaux-Arts in Rennes, wo er seinen Kommilitonen Raymond Hains (1926–2005) kennenlernte. 

Von 1947 bis 1949 studierte Villeglé Architektur an der École supérieure des Beaux-Arts de Nantes Métropole. Da er mit beiden Studiengängen unzufrieden war, begann er, an den Stränden des Atlantiks Gegenstände aufzusammeln und sie zu Skulpturen zusammenzufügen, wie beispielsweise Fils d’acier – Chaussée des Corsaires, Saint-Malo (1947). 

1949 zog Villeglé nach Paris und schloss sich wieder mit Hains zusammen, der ihm die Technik der Decollage zeigte. Nach ihrem ersten gemeinsamen Werk, Ach Alma Manetro (1949; betitelt nach den sichtbaren Wortfragmenten), fuhren beide Künstler bis 1954 damit fort, zerrissene Plakate von öffentlichen Werbetafeln abzureißen und sie auf ihre Leinwände zu kleben. 

Mehr als fünf Jahrzehnte lang erforschte Villeglé das künstlerische, dokumentarische und gesellschaftskritische Potenzial dieser Technik, die er als affiches lacérées (zerrissene Plakate) bezeichnete. Während sich seine frühen Werke vor allem auf Wortfragmente beschränken, interessierte er sich später mehr für Farben und Formen. 

Villeglé verfasste 1958 den Text „Des réalités collectives“, ein Vorläufer des „Manifeste du Nouveau Réalisme“ (1960). Villeglés Werke wurden in über hundert Ausstellungen in den USA und in Europa gezeigt.