Raymond Hains

Paix en Algérie (Frieden in Algerien)

Hains Paix En Algérie Private Collection Ginette Dûfrene Frei - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: Wilfried Petzi
  • Raymond Hains
  • Paix en Algérie (Frieden in Algerien)
  • 1956
  • decollaged posters on canvas
  • 39 × 33.5 cm
  • Collection Ginette Dûfrene - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Photo: Wilfried Petzi

Raymond Hains und sein Künstlerkollege Jacques Villeglé (geb. 1926) entwickelten 1949 die unverwechselbare Technik der Décollage, bei der sie Stücke aus gefundenen, bereits von Unbekannten zerstörten oder auf andere Weise beschädigten affiches lacerées (zerrissenen Plakaten) abrissen und anschließend als eine Art Readymade-Collage auf die Leinwand klebten. Paix en Algérie (1956) ist eine Arbeit aus einer Werkreihe von Hains, die sich mit der angespannten politischen Lage in Frankreich nach dem Krieg befasst – in dieser Arbeit hebt er den Unabhängigkeitskampf der französischen Kolonie Algerien und die geteilte Reaktion der französischen Öffentlichkeit hervor. 

Hains stellte 1961 eine Reihe seiner Décollage- Arbeiten mit politischem Material in Pierre Restanys Galerie J unter dem Titel La France déchirée (Das zerrissene Frankreich) aus. Diese Überschrift ist einem Buch des Le Monde-Journalisten Jacques Fauvet entlehnt, der eine Spaltung der französischen Republik durch politische und ideologische Grabenkämpfe beklagt. Arbeiten wie Paix en Algérie geben diesem Gefühl eine konkrete Gestalt, indem sie nicht nur die Kakophonie im – durch konkurrierende Werbeanzeigen, Mitteilungen und politische Parolen übersättigten – öffentlichen Raum vermitteln, sondern auch die latente gesellschaftliche Spannung, die sich in anonymem Vandalismus und spontaner Aggressivität äußerte. Hier ist das Motto „Frieden in Algerien“ nur noch teilweise erkennbar, da die ausgerissenen Teile des Plakats weitere, unentzifferbare Mitteilungen darunter freilegen.

Rachel Wetzler

Biografie von Raymond Hains

  • Geboren 1926 in Saint-Brieuc, Frankreich
  • Gestorben 2005 in Paris, Frankreich

In Raymond Hains’ Werken spiegelt sich sein Interesse an Sprache, Wortspielen und verbalen Assoziationen wider. Er beschränkte sich nicht auf einen Stil, eine Technik oder ein Medium, sondern probierte alles Mögliche aus, von der Fotografie über Installationen mit objets trouvés bis zur Bildhauerei und Web-basierten Collagen. 

1945 schrieb er sich zu einem Bildhauerkurs an der École régionale des beaux-arts de Rennes ein, beendete den Kurs jedoch vorzeitig und zog nach Paris, wo er bei dem Fotografen Emmanuel Sougez (1889–1972) eine Ausbildung machte. Seine experimentellen abstrakten photographies hypnagogiques entstanden mithilfe von Spiegeln. 

1949 nahm Hains Kontakt zu seinem früheren Klassenkameraden aus Rennes, dem Mixed-Media-Künstler Jacques de la Villeglé (geb. 1926), auf. Die folgenden zwölf Jahre schufen die beiden Dekollagen aus abgerissenen, übereinandergeklebten Plakaten; man nannte sie folglich affichistes. Ihre „Readymade-Bilder“ konterkarierten den US-amerikanischen Abstrakten Expressionismus und die französische Art informell. 

Hains war Mitbegründer der sich 1960 konstituierenden Künstlergruppe Les Nouveaux Réalistes und nahm an der ersten Gruppenausstellung teil. Auch außerhalb Frankreichs präsentierte er seine Werke auf zahlreichen Ausstellungen. Zu nennen sind beispielsweise The Art of Assemblage (Museum of Modern Art in New York, 1961), die Biennale von Venedig (1964) und die documenta in Kassel (1968 und 1997).