Ahmed Shibrain

Ohne Titel

Shibrain Untitled Iwalewahaus 1500
  • Ahmed Shibrain
  • Ohne Titel
  • 1963
  • Tusche auf Papier
  • 76 × 57 cm
  • Iwalewahaus, Universität Bayreuth. DEVA, Universität Bayreuth

Ahmed Shibrains unbetitelte Tuschezeichnung von 1963 ist Ausdruck der für diesen Künstler typischen besonderen Form einer markanten, durch freie Formen gekennzeichneten kalligrafischen Abstraktion. Shibrain war Mitbegründer der sudanesischen Schule von Khartum, eines Künstlerkollektivs, das Sudanawiyya, die kritische Verbindung von sudanesischen, panafrikanischen und internationalen visuellen Formen, anstrebte. Dabei ging es um hurufiyya, die Abstraktion und künstlerische Anwendung arabischer Buchstaben. Tatsächlich ist das kalligrafische Zeichen das primäre Merkmal von Shibrains OEuvre und an der lockeren, skizzenartigen Darstellung arabische Buchstaben vor schmucklosen Bildgründen zu erkennen. Shibrains Name wird häufig mit der Wiederbelebung der Kalligrafie im Sudan nach einer Phase der Stagnation in Verbindung gebracht, in der sich diese Kunstform in einem starren Formalismus ohne schöpferische Relevanz erschöpft hatte. Auf der Grundlage seiner der Moderne verhafteten Ausbildung in Khartum und London machte Shibrain es sich zur Aufgabe, die Kalligrafie aus einer in die Jahre gekommenen Tradition in eine innovative Form des persönlichen Ausdrucks zu verwandeln. 

In dieser Zeichnung gibt Shibrain die arabischen Buchstaben als gestische Zeichen wieder und macht damit deutlich, dass es ihm mehr um den visuellen Effekt als um peinlich genaue Lesbarkeit geht. Die Schrift, die sich vertikal auf der Seite entfaltet, lenkt den Blick der Betrachter wie bei der Lektüre einer Schriftrolle ab- und aufwärts, doch zugleich rufen die hektischen Linien durch ihr Umhergleiten, Herabschießen und Innehalten auch eine emotionale Reaktion hervor. Diese Zeichnung ruft eine Fülle spiritueller und kultureller Bedeutungen auf. So handelt es sich bei der Signaturkartusche des Künstlers in der oberen Hälfte der Seite um das kalligrafische Pendant zu „Allah“. Durch den Verweis auf das Göttliche, insbesondere als markante textuelle Überlagerung, hat Shibrain eine beeindruckende Verbindung zur traditionellen arabischen Kalligrafie geschaffen, die er ungeachtet seiner modernistischen Deutung dieser Kunstform nicht ganz vergessen hat.

Tiffany Floyd

Biografie von Ahmed Shibrain

  • Geboren 1931 in Barbar, Sudan

Ahmed Shibrain ist ein sudanesischer Maler und Hochschullehrer. Er studierte an der Fakultät für Kunst und Kunsthandwerk am Karthoum Technical Institute (KTI), das für die regionale zeitgenössische afrikanische Kunst von zentraler Bedeutung war. Außerdem besuchte er die Central School of Art and Design in London. 

Zusammen mit Kamala Ishag (* 1939) und Ibrahim El Salahi (* 1930) gründete er die einflussreiche Karthoum School, die sich 1975 wieder auflöste. Die Mitglieder kombinierten eine urtümliche islamische Bildsprache mit abstrahierter arabischer Kalligrafie. 

Nachdem der Sudan 1956 seine Unabhängigkeit ausgerufen hatte, versuchte Shibrain, so eine moderne sudanesische Identität zu definieren – als eine Mischung aus arabischer, afrikanischer und islamischer Kultur. 1975 wurde er Dekan des zwischenzeitlich in College of Fine and Applied Arts umbenannten Fachbereichs der Universität Sudan. 

Er spielt für die zeitgenössische Kunst Schwarzafrikas bis heute eine große Rolle. Shibrain war Beauftragter des sudanesischen Jugendministeriums und Kultursekretär im Ministerium für Kultur. 

1967 stellte er auf der Biennale von São Paulo aus; 1974 war er in der Ausstellung Contemporary African Art im Museum of African Art in Washington, D. C, vertreten.