Lygia Pape

Livro da arquitetura (exhibition copy) (Buch der Architektur [Ausstellungsduplikat])

Pape Book Of Architecture Projeto Lygia Pape 6  Japanese House1 1500
  • Lygia Pape
  • Livro da arquitetura (exhibition copy) (Buch der Architektur [Ausstellungsduplikat])
  • 1959‒60
  • Tempera auf Karton
  • 12 Teile, jeweils 30 x 30 x 2 cm
  • Projeto Lygia Pape

Das Book of Architecture (Buch der Architektur) (1959-1960), Teil einer Reihe von Buchobjekten, die Lygia Pape von 1959 bis 1963 realisierte, war Ausdruck des Beharrens der Neo-Konkretisten auf einer Kunst, welche die Betrachter umgab und sie verwandelte. Kunst, so die Auffassung der neo-konkreten Künstler, sollte nicht verschlossen sein, sondern auf ihre Umgebung Bezug nehmen. Pape und ihre Kollegen und Kolleginnen meinten das ganz wörtlich. Sie präsentierten ihre Buch-Objekte auf der Straße und fotografierten sie inmitten von Alltagsszenen. Brasilien machte damals einen radikalen, von einer regen Bautätigkeit begleiteten Wandel durch. São Paulo, Papes Heimatstadt Rio de Janeiro und die neue brasilianische Hauptstadt Brasília (Einweihung am 21. April 1960) wurden zu auf neuartige Weise modernen Städten. Die in Rio ansässigen neo-konkreten Künstler waren der Überzeugung, Architektur sei nicht einfach nur ein hohler Behälter, sondern ein dynamischer Raum der Interaktion. Diese Vorstellung reflektierte Pape mit ihrem sich einer genauen Gattungszuschreibung entziehenden Book of Architecture (Buch der Architektur).

Dieses mehrteilige Werk auf bemaltem Karton, das einen Spagat zwischen Buch und Skulptur darstellt, markiert einen wichtigen Bruch mit Papes früheren Werken. In ihrer primär zwischen 1955 und 1959 entstandenen "Tecelares"-Holzschnitt-Serie hatte sie einen abtrakten Lyrismus entwickelt. Zusammen mit Lyrik luden die schwarz-weißen geometrischen Druckgrafiken zu näherer Betrachtung und fantasievollem Denken ein. Durch den Verzicht auf plane Oberflächen und Begleittexte fügte das Book of Architecture (Buch der Architektur) Papes Kunst zwei wesentliche neo-konkrete Aspekte hinzu: Haptik und Zeitlichkeit. Das Wenden der Seiten machte das Kunstwerk zu einer interaktiven Erfahrung. Indem der Betrachter das Buch durchblätterte, sollte der Akt des Sehens zu einem sich über die Zeit hinziehenden Ereignis werden.

Megan Hines 

Biografie von Lygia Pape

  • Geboren 1927 in Rio de Janeiro, Brasilien
  • Gestorben 2004 in Rio de Janeiro, Brasilien

Lygia Pape war eine sehr experimentierfreudige Allrounderin, die sich mit formalen Fragen, Bildhauerei, Druckgrafik, Installation und Film auseinandersetzte. Mit 20 wurde sie Mitglied der in Rio de Janeiro ansässigen Grupo Frente, die sich der konkreten Kunst und der geometrischen Abstraktion verschrieben hatte. 

1959 unterzeichnete sie mit Lygia Clark (1920–1988) und Hélio Oiticica (1937–1980) das Manifesto Neoconcreto (neokonkretes Manifest). Die Vertreter der neokonkreten Bewegung waren der Ansicht, dass Kunst die aktive Beteiligung des Betrachters erfordern solle, und widersprachen damit dem vorherrschenden Ethos der konkreten Kunst. Papes Frühwerk, so z.B. die aus geometrischen Holzschnitten bestehende Serie Teclares (Weben), die 1955 auf der dritten Biennale von São Paulo gezeigt wurde, nimmt Bezug auf die Handwerkskunst. 

Ihr 1959 entstandenes Livro da Criacao (Buch der Schöpfung) band Betrachter aktiv in den Schaffensprozess mit ein. In den 1960er-Jahren knüpfte Pape Kontakte zu den Machern des dokumentarisch-satirischen Cinema marginal und des Cinema novo. 

1967 war sie Mitorganisatorin der bahnbrechenden Ausstellung New Brazilian Objectivity am Museu de Arte Moderna in Rio de Janeiro. Im gleichen Jahr schuf sie das Werk Roda Dos Prazeres (Kreis des Vergnügens). Es besteht aus Schüsseln mit eingefärbtem Wasser, von dem Besucher kosten können, dessen Geschmack aber nicht zwangsläufig zu den jeweiligen Farbtönen passt. 

Von 1972 bis 1985 lehrte Pape Semiotik an der Universidade Santa Úrsula; 1983 wurde sie von der Universidade Ferdal do Rio de Janeiro zur Professorin für bildende Kunst ernannt.