Guy Debord

Hurlements en faveur de Sade (Geheul für de Sade)

Guy Debord Hurlements 2
  • Guy Debord
  • Hurlements en faveur de Sade (Geheul für de Sade)
  • 1952
  • black-and-white film
  • 64’

Guy Debord produzierte seinen ersten Film Hurlements en faveur de Sade (Geheul für de Sade, 1952) im selben Jahr, in dem er die Lettristische Internationale mitbegründete und sich damit von der Lettristengruppe seines früheren Förderers Isidore Isou (1925–2007) abspaltete. Obwohl sich bereits Isou in seinen Filmen auf die Ideen des französischen Revolutionärs Marquis de Sade bezogen hatte, der vielen aufgrund seiner Befürwortung einer freizügigen Sexualität als moralischer Outlaw galt, ging Debord viel weiter als sein ehemaliger Mentor, indem er die Betrachter eines jeglichen visuellen Vergnügens beraubte. Sein Film enthält überhaupt keine Bilder, sondern lediglich eine Tonspur, auf der in unregelmäßigen Abständen fünf Stimmen zu hören sind. Wenn gesprochen wird, ist die Leinwand weiß, während der immer wiederkehrenden stummen Intervalle hingegen ist sie schwarz. Statt die Betrachter mit einzubeziehen, stößt Hurlements en faveur de Sade das Publikum also wieder in den Kontext der Präsentation des Films zurück. 

Hurlements en faveur de Sade nimmt Debords spätere Theorie des détournement (wörtlich „Entführung“) vorweg, die er zusammen mit dem Künstler Gil J. Wolman (1929–1995) ab 1956 entwickelte. Der Soundtrack funktioniert Zitate aus dem französischen Bürgerlichen Gesetzbuch um und kontrastiert sie mit Aphorismen über die Liebe, welche sich über die Steifheit des Juristenjargons lustig machen, ohne dabei eine in sich zusammenhängende Erzählung zu ergeben. Außerdem unterstreicht die Stimme eines jungen Mädchens aus dem Off – die erklärt: „niemand in diesem Film spricht über Sade“ –, Debords Absicht, das Vermögen des Films, Bedeutung zu projizieren und zu konstruieren, zu untergraben, und macht auf diese Weise deutlich, dass der Künstler die Abhängigkeit des Kinos von Tropen der Kommunikation ablehnte.

Tim Roerig

Biografie von Guy Debord

  • Geboren 1931 in Paris, Frankreich
  • Gestorben 1994 in Bellevue-la-Montagne, Frankreich

Der französische Intellektuelle und Marxist Guy Debord gehörte zu den Gründungsmitgliedern der 1957 im italienischen Alba ins Leben gerufenen revolutionären Situationistischen Internationale (SI). Weitere Gründungsmitglieder waren seine Frau, die Romanautorin und Kritikern Michèle Bernstein (geb. 1932), und der Autor und Künstler Asger Jorn (1914–1973). Da die SI die Theorie der „industriellen“, in Massen produzierten Kunst und den damit verbundenen Konsumismus ablehnte, konzentrierte sich das künstlerische Schaffen ihrer Anhänger nicht mehr auf die Produktion von spezifischen Objekten, sondern folgte einer allgemeinen Kritik der kapitalistischen Struktur. 

In seinem 1967 veröffentlichten Buch La Société du spectacle (dt. Die Gesellschaft des Spektakels, 1967) legte Debord dar, wie der Konsum von Bildern die authentische menschliche Interaktion ersetzt hatte, und kam zu dem Schluss, dass das daraus resultierende „Kulturspektakel“ ein Kennzeichen des Spätkapitalismus darstelle. Das Buch wird häufig als zentrales Manifest der Pariser Mai-Unruhen 1968 angesehen, da viele Demonstranten Slogans aus dessen Inhalt skandierten. Nach der Auflösung der SI 1972 arbeitete Debord vor allem als Filmemacher (u.a. enstand eine Filmversion von La Société du spectacle, 1973) und schrieb eine Fortsetzung seines Schlüsselwerkes mit dem Titel Commentaires sur la société du spectacle (1988). Am 30. November 1994 beging Debord, der zuletzt stark unter den Auswirkungen einer lebenslangen Trinksucht litt, in seinem Haus in Champot bei Bellevue- la-Montagne Selbstmord.