Georg Baselitz

Große Nacht im Eimer

Baselitz Große Nacht Im Eimer Collection Georg Baselitz 1500 - © Georg Baselitz, 2016. Photo: Frank Oleski, Köln
  • Georg Baselitz
  • Große Nacht im Eimer
  • 1962‒1963
  • Öl auf Leinwand
  • 185 x 165 cm
  • Privatsammlung - © Georg Baselitz, 2016. Photo: Frank Oleski, Köln

Georg Baselitz’ Gemälde Große Nacht im Eimer (1962‒1963) wurde erstmals im Oktober 1963 in der Galerie Werner & Katz in Berlin ausgestellt und sorgte dort sofort für Empörung. Eine niedergeschlagen dreinblickende Figur unbestimmten Alters umklammert mit einer Hand ihren überproportional großen Penis, während ihr ebenfalls übergroßer, verstümmelter Kopf nach vorne, in Richtung des Betrachters, sackt. 

Der Phallus, traditionell ein Symbol von Macht und Manneskraft, wirkt hier schlaff und nutzlos und hängt aus einer kurzen braunen Hose, die ein offenkundiger Hinweis auf die Uniform der Hitlerjugend ist. Es wirkt so, als leide die Figur hier nicht nur an den Folgen einer bedrückenden Nacht, sondern als lasse sie sich auch als Verkörperung jener Desillusionierung deuten, die im Deutschland der Nachkriegszeit nach dem Untergang des Nationalsozialismus weit verbreitet war. Zwei Tage nach der Eröffnung der Ausstellung in Berlin entfernten die Behörden das Bild aufgrund seines angeblich pornografischen Inhalts. Erst zwei Jahre später, nach einem langen Gerichtsverfahren, wurde es Baselitz zurückgegeben.

Große Nacht im Eimer ist eines der ersten Beispiele für Baselitz’ neuartigen Ansatz in der figurativen Malerei. In den folgenden Jahren malte er eine Reihe wiederkehrender Figuren, zu denen Charaktere wie der Partisan, der Rebell, der Schäfer und in diesem Fall der Soldat zählten. Diese frakturierten und verzerrten Wesen sind in der Regel mit Attributen ausgestattet, die auf ihren jeweiligen Titel verweisen, so wie die Stiefel, die Jacke und der Helm von Der Soldat (1965), und sie werden häufig von Gruppen von Tieren begleitet, darunter Hunde, Schafe, Schweine und Enten.

Daniel Milnes

Biografie von Georg Baselitz

  • Geboren 1938 in Deutschbaselitz (heute Teil von Kamenz, Sachsen), Deutsche Demokratische Republik

1956 begann Georg Baselitz an der Ostberliner Hochschule für bildende und angewandte Kunst Malerei zu studieren. 1957 wurde er wegen „gesellschaftlicher Unreife“ geschasst und setzte er sein Studium an der Hochschule für bildende Künste in Westberlin fort, wo er 1962 seinen Abschluss machte. Ab 1960 schuf er unbequeme, oft provokante Werke in einem figurativen Stil, der später als Neoexpressionismus bezeichnet wurde.
In seiner kruden, emotional aufgeladenen Malweise spiegelten sich sein Interesse an der Wiederbelebung der Traditionen und Quellen des deutschen Expressionismus und sein Interesse an der außereuropäischen Kunst sowie der Art brut. Bei seiner ersten Einzelausstellung, die 1963 in der Galerie Werner & Katz in Westberlin stattfand, kam es zum Skandal, als die Bilder Die große Nacht im Eimer (1962/63) und Der nackte Mann (1962) wegen Unsittlichkeit von der Staatsanwaltschaft konfisziert wurden. 1969 schuf Baselitz sein erstes Gemälde mit Motivumkehrung (Der Wald auf dem Kopf); in den 1970er-Jahren entwickelte er seine „Fingermalerei“-Technik.

Außer als Maler arbeitete Baselitz auch als Bildhauer und Druckgrafiker. Er lehrte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und an der Universität der Künste Berlin. 1972 nahm er an der documenta 5 teil; in den 1970er-Jahren stellte er in der Galerie Heiner Friedrich in München, Köln und New York aus.