Jikken Kōbō

Jinrin (Silberrad)

Jikken Kobo Jinrin 1 - © Tokuma Shoten Publishing Co., Ltd
  • Jikken Kōbō
  • Jinrin (Silberrad)
  • 1955
  • 35mm-Film, DVD-Kopie
  • 11’57”
  • - © Tokuma Shoten Publishing Co., Ltd

Jinrin (1955) ist ein Film, den Mitglieder des Jikken-Kōbō-Kollektivs für den japanischen Fahrradverband produzierten. Im Rückgriff auf verschiedene ästhetische Avantgarden der Vorkriegszeit (Futurismus, Konstruktivismus, Bauhaus und Surrealismus) entwickelte die Gruppe zur Herstellung der Spezialeffekte des Films verschiedene neue Techniken und machte sich für einige der denkwürdigsten halluzinogenen Sequenzen des Films sogar die Fertigkeiten Eiji Tsuburayas (1901–1970) zunutze, der einer der Väter von Godzilla war. 

Jinrin folgt den Träumen eines kleinen Jungen, der über der Lektüre des Bilderbuchs Fahrrad im Traum einschläft. Von dieser Stelle an zerfällt der Rest der Handlung in zwei Abschnitte. Der erste Teil feiert die individuellen Bestandteile des Fahrrads, darunter Schwärme von Kugellagern, sich rasch drehende Fahrradräder und eine choreografische Anordnung von Lenkstangen. Während einige Szenen an Marcel Duchamps Readymades erinnern, wirken andere wie Animationen von Picassos berühmtem, aus dem Sitz und der Lenkstange eines Rennrads montierten Tête de taureau (Stierkopf, 1942). 

Der zweite Teil schwelgt im majestätischen Anblick von in Bewegung befindlichen Fahrrädern und beginnt mit der Aufnahme eines Jungen, der Fahrradfahrer beobachtet, die sich anmutig durch einen nicht näher definierten Raum bewegen (oder in der Luft schweben). Dann verlagert sich die Aufmerksamkeit des Films auf das Publikum und erzeugt mittels einer Reihe japanischer Landschaften den Eindruck einer Fahrradtour. Teils Werbung, teils Feier des Mediums Film, verkörpert Jinrin den technologischen und kulturellen Optimismus, der mit dem raschen Wachstum der japanischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und während der Besatzungszeit (1945–1952) einherging.

Damian Lentini

Biografie von Jikken Kōbō

  • Geboren 1951 in Tokyo, Japan

Das 1951 in Tokio gegründete Multimedia-Kollektiv Jikken Kōbō („Experimentelles Atelier“) bestand aus Komponisten, bildenden Künstlern, Bühnenbildnern, Lichtdesignern, Ingenieuren und Musikern. Mit der Verbindung verschiedener Kunstformen wollten diese nach den Worten des Gründers Shūzō Takiguchi (1903–1979) „eine organische Kombination erreichen, die sich nicht innerhalb der Konventionen einer Galerieausstellung realisieren lässt, und einen neuen Kunststil von gesellschaftlicher Relevanz begründen, der eng mit dem alltäglichen Leben in Verbindung steht“. Teils vom Bauhaus und den Surrealisten inspiriert – etwa zur gleichen Zeit widmeten sich auch Künstler am Black Mountain College in North Carolina ähnlichen Experimenten –, schuf Jikken Kōbō Performances als komplexe, vielschichtige Installationen, bei denen die Künstler an der gesamten Inszenierung beteiligt waren. Jikken Kōbō zählt zudem zu den Vorreitern bei der Verwendung neuer Medien, was beispielsweise zu einer Kreativpartnerschaft mit Sony führte, und schuf Kollektivarbeiten, die Technologien wie Kassettenrecorder und Diaprojektoren mit traditionellen japanischen Kunstformen vereinten. Obgleich andere Vereinigungen wie die Gutai-Gruppe in ihr aufgingen, wurde die Arbeit von Jikken Kōbō erst jüngst – vor allem durch Ausstellungen im Museum of Modern Art, New York (2012), und in der Tate Modern, London (2013) – außerhalb Japans bekannt.