Alice Neel

Georgie Arce

Neel Georgie Arce The Estate Of Alice Neel 1500
  • Alice Neel
  • Georgie Arce
  • 1953
  • Öl auf Leinwand
  • 55 x 65 cm
  • Estate of Alice Neel

Mit ihrer meisterhaften Beherrschung von Porträtkunst und Realismus, einem mutmaßlich veralteten Genre, und einem Stil, der das glatte Gegenteil der zunehmend populäreren Abstraktion der New York School war, stand Alice Neel eindeutig abseits der New Yorker Kunst der Mitte des 20. Jahrhunderts. Dieses Porträt Georgie Arces (1953), eines Jungen, der in Neels Viertel Spanish Harlem aufwuchs, ist sowohl typisch für ihren markanten, malerischen Stil als auch einzigartig aufgrund seines spezifischen Sujets und Milieus. 

Neel, eine weiße Frau in einem vorwiegend von Puerto Ricanern, Kubanern und Einwohnern aus der Dominikanischen Republik bewohnten Viertel, malte die von ihr Porträtierten normalerweise in ihrer eigenen Wohnung und lud sie zu diesen Sitzungen zu sich ein. Zwischen 1950 und 1959 bildete Neel Arces Konterfei mindestens vier Mal ab, ebenso häufig, wie sie in diesem Zeitraum ihre eigenen Kinder malte. Doch im Gegensatz zu ihren vielen Doppel- oder Gruppenporträts von Kindern schildert Neel Georgie Arce als einen eigenständigen Menschen, vielleicht um damit seine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen oder als Folge seines sozialen oder familiären Backgrounds.

Dieses Gemälde ist Teil dessen, was die Kunsthistorikerin Pamela Allara als Neels „sozialrealistisches Projekt“ bezeichnet hat, mit dem sie ein kollektives Porträt von Spanish Harlem schaffen wollte. Politisch und persönlich für die Auswirkungen der Armut auf farbige Gemeinschaften sensibilisiert, verwandelte Neel ein künstlerisches Ritual, das normalerweise weißen Auftraggebern aus der Mittel- oder Oberschicht vorbehalten war, in einen dynamischen (wenn auch ungleichen) Kulturaustausch. Geschildert mit der für Neel charakteristischen Mischung aus Präzision und lockeren, malerischen Linien tritt der junge Georgie Arce als ein williges Sujet in Erscheinung, das zwar mit seiner Umgebung verwoben, doch zugleich aus ihr herausgerissen ist.

Amy Rahn

Biografie von Alice Neel

  • Geboren 1900 in Merion Square, Philadelphia, Vereinigte Staaten
  • Gestorben 1984 in New York, New York, Vereinigte Staaten

Alice Neel ist vor allem für ihre schonungslosen, oft auch provokanten Porträts bekannt. Nachdem sie von 1918 bis 1921 als Sekretärin gearbeitet und in dieser Zeit Abendkurse an der School of Industrial Art in Philadelphia belegt hatte, besuchte sie die Philadelphia School of Design for Women (das heutige Moore College of Art and Design). 

Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem kubanischen Künstler Carlos Enríquez Gómez (1900–1957) bereiste sie 1926 Kuba und zog im darauffolgenden Jahr nach New York. Nachdem sie 1938 nach Spanish Harlem gezogen war, malte sie erste prägnante Porträts von ihren Familienangehörigen und Freunden, von ihren puerto-ricanischen Nachbarn und von Menschen, die sie auf der Straße kennengelernt hatte. 

Während die abstrakte Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr Aufwind bekam, hielt Neel an ihrer darstellenden Arbeitsweise fest. In den 1960er-Jahren zog sie an die Upper West Side, verkehrte dort in Künstlerkreisen und porträtierte bedeutende Künstler, Kuratoren und Galeristen, wie etwa den Dichter und Schriftsteller Frank O’Hara (1926–1966), den Pop-Art-Künstler Andy Warhol (1928–1997) und den Land-Art-Künstler Robert Smithson (1938–1973). 1974 wurde Neel mit einer großen Retrospektive im Whitney Museum of American Art in New York geehrt.