Yuri Zlotnikov

From the series "Signal Systems" (Aus der Serie "Signalsysteme")

Zlotnikov Signal Systems Collection Of The Artist 5 Frei - © Yuri Zlotnikov
  • Yuri Zlotnikov
  • From the series "Signal Systems" (Aus der Serie "Signalsysteme")
  • 1957–62
  • Tempera und Aquarell auf Papier
  • jeweils 81.5 × 57.5 cm
  • Collection of the Artist - © Yuri Zlotnikov

Während des als Tauwetterperiode bezeichneten Abschnitts der russischen Kulturgeschichte unter Nikita Chruschtschow ermöglichte die Lockerung der offiziellen Politik es einer neuen Generation nonkonformistischer Künstler, die sowjetische Malerei über die während Josef Stalins Herrschaft (1922–1953) geltenden Grenzen des Sozialistischen Realismus hinaus weiterzuentwickeln. Juri Slotnikow war einer der ersten sowjetischen Maler, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine abstrakte Bildsprache entwickelte und zwischen 1957 und 1962 seine Serie der Signal Systems schuf. 

Trotz ihrer formalen Nähe zu konstruktivistischen und konkreten Formen der Abstraktion in der Zeit der klassischen Moderne sind Slotnikows Signals (Signale) eher das Ergebnis eines Dialogs mit neuen Entwicklungen in den Naturwissenschaften als mit der Tradition der Malerei. Als Außenseiter in der Moskauer Kunstszene interessierte sich Slotnikow sehr für zeitgenössische Philosophie, Kybernetik und, vor allem, Psychophysiologie. Nach monatelangen Diskussionen mit Psychologen über die Wirkung von Form und Farbe auf den Betrachter sowie ihre relative Verteilung im Raum begann Slotnikow mit der Arbeit an seiner Serie Signale. Das entscheidende Prinzip der Serie war es, durch ein System sorgfältig platzierter Farbformen einen Prozess der kognitiven Interaktion zwischen dem Betrachter und dem Kunstwerk in Gang Mit seinem experimentellen und wissenschaftlichen Ansatz schuf Slotnikow mehrere Hundert Signals, die in ihrer Gesamtheit die Entwicklung seiner abstrakten Bildsprache dokumentieren. Beginnend mit großzügig über die leere Bildfläche verstreuten, rein geometrischen Formen werden die Signals mit der Zeit immer dichter und gipfeln schließlich in Werken, die eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit mit Stromkreisen aufweisen, welche erst in der Nachkriegszeit verstärkt in Gebrauch kamen.

Daniel Milnes

Biografie von Yuri Zlotnikov

  • Geboren 1930 in Moskau, Sowjetunion

Juri Slotnikow gilt als einer der Vorreiter der abstrakten Kunst in der post-stalinistischen Sowjetunion. Aufgabe der Malerei ist es in seinen Augen, „die Gesetze des psychophysiologischen motorischen Verhaltens aufzuzeigen sowie die Art und Weise, wie wir auf Farben und Formen reagieren“. Er erhielt seine Ausbildung in den 1940er-Jahren an der kommunalen Kunstschule für hochbegabte Kinder und in der Skulpturenwerkstatt des Anna Golubkina Museums. In den 1950er-Jahren arbeitete Slotnikow gemeinsam mit anderen Künstlern im Atelier von Wladimir Slepian (1930–1998) und war auf der Suche nach einer in Wissenschaft und Psychologie gründenden Bildsprache. Auf sein erstes abstraktes Gemälde, Geigerzähler (1956), folgte die berühmt gewordene Serie Signalsystem (1957–1962). Angeregt vom Werk Piet Mondrians (1872–1944), dem Mitbegründer der Gruppe De Stijl, und des suprematistischen Künstlers Kasimir Malewitsch (1878–1938) befasste sich Slotnikow mit Mathematik, Kybernetik und Psychologie. Mit seinen Gemälden, die kleine, farbintensive geometrische Elemente auf weißem Hintergrund zeigen, verfolgte er das Ziel, die menschliche Wahrnehmung und das kommunikative Potenzial abstrakter Darstellung zu verknüpfen. Nach 1962 kehrte er zur gegenständlichen Malerei zurück, und in den späten 1960er-Jahren schuf er schematische („metaphorische“) Kompositionen, zu denen er sich von Musik und den Bewegungen großer Menschenmassen inspirieren ließ. Später bevorzugte er in seinen abstrakten Improvisationen einen impulsiveren, naiven Stil. Seine erste Einzelausstellung fand 1962 statt, 2011 widmete ihm das Museum für Moderne Kunst in Moskau eine umfangreiche Retrospektive.