Wolf Vostell

Deutscher Ausblick, 1958–1959, aus dem Environment “Das schwarze Zimmer” (German View from the Black Room Cycle)

Vostell German View Berlinische Galerie - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
  • Wolf Vostell
  • Deutscher Ausblick, 1958–1959, aus dem Environment “Das schwarze Zimmer” (German View from the Black Room Cycle)
  • 1958–59
  • décollage, wood, barbed wire, tin, newspaper, bone, television with cover
  • 115.5 × 130 × 30.5 cm
  • Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur - © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Zusammen mit Treblinka (1958–1959) und Auschwitz Scheinwerfer (1958–1959) ist die skulpturale Assemblage Deutscher Ausblick (1958–1959) Teil von Wolf Vostells Evironment Das schwarze Zimmer. Die verschiedenen Gegenstände, aus denen Deutscher Ausblick besteht, präsentieren eine morbide und zerstörerische Sicht auf Deutschlands verdrängte Vergangenheit, die sich nicht von der mit dem Holocaust einhergehenden Schuld trennen lässt. Knochen und Stacheldraht beschwören die zum Schweigen gebrachten Opfer der Konzentrationslager herauf, während Zeitungsausschnitte über die sowjetische Armee und den militärischen Zweig der ostdeutschen Polizei das in Westdeutschland nach 1945 zunehmend spürbare euphorische Gefühl der Befreiung und des Wiederaufbaus herausfordern. 

Zwei Gegenstände in dieser Collage, ein Einbau- Fernseher und das Titelblatt einer Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel, auf dem ein katholischer Geistlicher zu sehen ist, dienen als Kommentar zur Rolle der Massenmedien und der katholischen Kirche und machen sie für die Vernachlässigung und Unterdrückung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit infolge des Zweiten Weltkriegs verantwortlich. Die ständigen Unterbrechungen und Zischgeräusche des flackernden Schwarz-Weiß-Fernsehers dominieren alles und erzeugen eine brüchige Wirklichkeit, die ausschließlich durch die fragmentarische Natur der tatsächlichen, Informationen und Fakten erzerrenden Berichterstattung in den Medien erschaffen wird.

Petronela Soltész

Biografie von Wolf Vostell

  • Geboren 1932 in Leverkusen, Deutsches Reich
  • Gestorben 1998 in Berlin, Deutschland

Bekannt wurde Wolf Vostell als Mitbegründer der Fluxus-Bewegung der 1960er- und 1970er-Jahre, aber auch durch seine richtungweisenden Installationen, Happenings und Environments. 

Er studierte unter anderem an der École nationale supérieure des Beaux-Arts in Paris (1955/56) und an der Kunstakademie Düsseldorf (1957). 1958 initiierte er in Europa und New York die ersten Happenings. 

Im selben Jahr entstand die erste Installation, in die er ein laufendes Fernsehgerät einbaute (Deutscher Ausblick aus dem Zyklus Schwarzes Zimmer, 1958–1963). Unter dem aus dem Französischen entlehnten Begriff „Dé-coll/age“ knüpfte er 1954 an die dadaistische Praxis des Zerlegens von Konsumartikeln (in seinem Fall waren es Plakate) an, um so zu eigenständigem Denken anzuregen. 

Für seine künstlerischen Statements erntete er schon früh internationale Anerkennung. 1962 war er Mitorganisator von Festum Fluxorum in Wiesbaden, einem von zahlreichen Events der Fluxus-Gruppe. 1974 widmeten ihm das Musée d’art moderne de la Ville de Paris und die Neue Nationalgalerie Berlin große Retrospektiven. 1977 nahm er an der documenta teil. 

In den 1980er-Jahren erweiterte Vostell seine Praxis um das Environment und schuf begehbare Installationen für den Fluxus-Zug, der durch ganz Deutschland fuhr. 1976 gründete er im spanischen Malpartida de Cáceres das ausschließlich seinem Werk gewidmete Museo Vostell.