Francis Newton Souza

Degenerates (Degenerierte)

Souza Degenerates Aicon Gallery 1500 - © Estate of F. N. Souza, All Rights Reserved/VG Bild-Kunst, Bonn 2016
  • Francis Newton Souza
  • Degenerates (Degenerierte)
  • 1957
  • Öl auf Holztafel
  • 143,5 × 175,3 cm
  • Courtesy of Aicon Gallery, New York - © Estate of F. N. Souza, All Rights Reserved/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Als Gründungsmitglied der in Bombay tätigen Progressive Artists’ Group, die sich im Anschluss an Indiens Unabhängigkeit für einen internationalistischen avantgardistischen Stil einsetzte, wird Francis Newton Souza abwechselnd als der „angry young man“ (Rebell) der indischen Kunst und als „indischer Picasso“ bezeichnet. Gemälde wie Degenerates (1957) vermitteln auf lebhafte Weise seine Angst und Wut, die vor allem in einem starken Einsatz von schwarzem Pigment für die Umrisslinien, in einem aggressiven Pinselduktus sowie in den die Leinwand überziehenden Kreuzschraffuren zum Ausdruck kommen. Eine der drei einen Anzug tragenden Figuren von Degenerates (Degenerierte) wird mit aus dem Hals herausragenden Stacheln dargestellt, was ebenso wie die ungewöhnlich weit oben befindlichen Augen des Mannes in diesem Gemälde ein typisches Merkmal von Souzas Malerei ist. Der Künstler, der als Sohn römisch-katholischer Eltern im ländlichen Goa geboren wurde, erinnerte sich daran, als Kind von den gefolterten Heiligen der christlichen Legenden und von Ikonen wie dem heiligen Sebastian und Christus am Kreuz fasziniert gewesen zu sein. Diese Faszination macht eindeutig den ,gotischen‘ Charakter von Gemälden wie diesem aus. 

Auch wenn es sich bei den drei männlichen Figuren auf diesem Bild durchaus um Inder handeln mag, die den westlichen Kleidungsstil nachahmen, könnten es ebenso gut Engländer sein. Die Zöpfe des kleinen Mädchens im Vordergrund leuchten in einem trüben Rot. Explizite Erotik war in Souzas Gemälde durchweg ein wichtiges Thema, und die nackte Figur in Degenerates erinnert hinsichtlich ihrer Haltung und Gelassenheit an eine klassische Skulptur. Zugleich könnte es aber auch die Statue einer hinduistischen oder buddhistischen Gottheit sein. Vermutlich handelt es sich bei Souzas „Degenerierten“ tatsächlich um Engländer, doch sein Bild bleibt provozierend mehrdeutig.

Gemma Sharpe

Biografie von Francis Newton Souza

  • Geboren 1924 in Saligão, Indien
  • Gestorben 2002 in Mumbai, Indien

Francis Newton Souza, oft einfach F. N. Souza genannt, war einer der ersten Maler, die kurz nach der Unabhängigkeit Indiens internationale Anerkennung erfuhren. Er besuchte zunächst die Sir JJ School of Art in Bombay, die er wegen seiner Beteiligung an Ghandis Quit-India-Bewegung aber 1945 wieder verlassen musste. 

Zwei Jahre später trat er als Mitbegründer der Progressive Artists’ Group in Bombai in Erscheinung und wurde bald ihr intellektueller Führer. 1949 zog Souza nach London. 1955 machte er mit seiner ersten Einzelausstellung in der Gallery One in London sowie seinem autobiografischen Essay „Nirvana of a Maggot“, der zunächst in der Zeitschrift Encounter veröffentlicht wurde, Furore. 

1967 wurde Souza mit dem Guggenheim International Award ausgezeichnet und zog nach New York, wo er bis kurz vor seinem Tod lebte. Seine figürlichen Darstellungen – menschliche Körper und Köpfe – sind oft verzerrt; sein Stil ist grafisch, mit scharfen Konturen und sichtbarem Pinselduktus. 

Er malte u.a. Stillleben und Landschaften, stellte christliche Motive dar und setzte sich in seinen Bildern mit der menschlichen Sexualität auseinander. Seit Ende der 1980er-Jahre wurde Souza in Indien mit mehreren Retrospektiven geehrt.