Jewad Selim

Baghdadiat

Selim Baghdadiat Mathaf 1500 - © Jewad Selim Estate
  • Jewad Selim
  • Baghdadiat
  • 1956
  • Mischtechnik auf Hartfaser
  • 98,5 × 169 cm
  • QM/QF – Mathaf: Arab Museum of Modern Art, Doha – Qatar. - © Jewad Selim Estate

Anfang der 1920er-Jahre, als Irak noch eine ganz junge Nation war, zog Jewad Selim mit seinen irakischen Eltern nach Bagdad. Nach dem Kunststudium in Europa kehrte Selim beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Bagdad zurück. Während er am Institute of Fine Arts unterrichtete, im Irakischen Archäologischen Museum arbeitete und seine eigenen Gemälde und Skulpturen schuf, begann er drei Bildtraditionen – westliche Abstraktion, antike mesopotamische Motive und islamisches Design – miteinander zu verbinden und schuf so eine typisch irakische Form moderner Kunst. Selim hatte sich seit 1951 für die Anwendung dieser ästhetischen Prinzipien eingesetzt. Damals war er Mitbegründer der Baghdad Group for Modern Art, deren Ziel es war, jeden einzelnen Iraki als ein authentisches Symbol des Volkes insgesamt darzustellen. 

Baghdadiat (1956) führt uns einen belebten Platz in Bagdad vor Augen. Die reduktiven Linien, die Menschen zeigen, welche ihrer Arbeit nachgehen oder sich munteren Freizeitaktivitäten widmen, vibrieren nur so vor Energie. In der Tradition der Manuskripte aus der Abbasidenzeit sind räumliche Tiefe und Perspektive in diesem Bild gegenüber dem Erzählen der Geschichte nachrangig. Auch der Umstand, dass Selim seine Figuren häufig mit dem wiederkehrenden Motiv des Halbmonds konstruierte, steht im Einklang mit Bagdads islamischer Vergangenheit. Doch zugleich kann man Baghdadiat auch im Zusammenhang mit der Bildsprache des europäischen Modernismus beschreiben. Hierzu zählen insbesondere Phänomene wie Abstraktion und Stilisierung, Oberfläche und Planheit sowie eine eingeschränkte Linienführung und begrenzte Farbpalette. Selim schildert Bagdad hier als eine wieder mit Leben erfüllte kosmopolitische Kapitale, indem er die Symbole der Vergangenheit mit seiner Vision der Moderne in Einklang bringt.

Tiffany Floyd

Biografie von Jewad Selim

  • Geboren 1919 in Ankara, Osmanisches Reich
  • Gestorben 1961 in Bagdad, Irak

Jewad Selim gilt als Vater der modernen irakischen Kunst. Sein Unterricht am Institute of Fine Arts in Bagdad beeinflusste eine ganze Generation von Künstlern. Von 1938 bis 1940 studierte er als Stipendiat in Paris und Rom. 

Im Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Bagdad zurück und baute am Institute of Fine Arts den Fachbereich Bildhauerei auf, zu dessen Leiter er schließlich ernannt wurde. Nach dem Krieg besuchte er die Slade School of Art in London. 

1951 gründete er die Baghdad Modern Art Group. Selim kombinierte die traditionelle irakische Ikonografie – etwa der alten ägyptischen und mesopotamischen Plastik, babylonischer und assyrischer Reliefs und der Miniaturmalerei – mit den Neuerungen, die moderne Künstler aus dem Westen, wie z.B. Aristide Maillol (1861–1944) und Henry Moore (1898–1986), eingeführt hatten, und entwickelte so eine moderne irakische Bildsprache. 

In den 1950er-Jahren schuf er überwiegend Gemälde, etwa die bekannte Serie Baghdadiat, eine Hommage an die traditionelle Malerei der Abbasiden. Dann wandte er sich mehr und mehr der Bildhauerei zu. 

Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist das monumentale Bronzerelief Nasb al-Hurriya (Monument für die Freiheit, 1960–1961), das an einer Mauer mitten in Bagdad an die irakische Revolution von 1958 erinnert. Noch ehe er sein Werk vollendet hatte, erlitt Selim einen Herzinfarkt und starb im Alter von 41 Jahren.